Unser Nachbar

ist ein aufmerksamer Nachbar. Kein Schritt, kein Werkeln, kein Husten, nichts entgeht ihm. Wo wir gehen oder in der Erde wühlen ist er nicht weit, geschäftig, immer eine Harke, eine Gießkanne oder sonst etwas in der Hand. Nach acht Jahren allgegenwärtiger Aufmerksamkeit, begann uns seine Nähe zu nerven und wir überlegten: Wie werden wir den Kerl und seine nicht bessere Gemahlin los, wie verschaffen wir uns Ruhe vor der erdrückenden Aufmerksamkeit, die ein unbeschwertes Leben stört.

Ziemlich schnell kam uns die Erkenntnis, hier hilft nur ein zwei Meter hoher Bretterzaun. Bei einer Länge der Grenze von rund 20 Metern eine teure Lösung, die wir bezahlen müssten, um nicht mehr im Fokus unseres, nach dem Rechten sehenden, Nachbarn zu sein. Hier setzte die Suche nach einer Lösung an, deren Ziel es war, unseren Betreuern zu suggerieren, dass sie eine Sichtblende gegen uns brauchen würden.

Wie macht man das, wie bringt man die Neugierigen dazu sich abzuschotten? Nach langem Suchen fanden wir die Antwort: Nichts fürchtet ein aufmerksamer Nachbar so sehr, wie die Aufmerksamkeit seines Opfers. So begann vor zwei Jahren die Operation Zaun, ich, Bernd, übernahm die Rolle des sehr, sehr aufmerksamen Nachbarn. Morgens, Mittags und Abends, Winter und Sommer stand ich am Zaun und richtete meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf meine von Nebenan.

Es dauerte nicht lange, da merkten wir,  es wirkt, sie wurden nervös, reagierten gereizt. Irgendwann begannen sie ihre Rollos zu schließen, mieden ihren einsehbaren Wintergarten. Er, der Nachbar, begann an seinem Zaun zu messen, Glückshormone rasten durch meinem Körper, es ist soweit, er baut einen Zaun. Gemessen hat er fast ein Jahr lang, immer wieder. Vor einigen Wochen hielt ein Sprinter vor seiner Tür und zwei Mann schleppten zwei Meter hohe Zaunteile, Bodenhülsen und Pfosten in seinen Garten.

Wir haben jetzt eine 20 Meter lange Bretterwand an der Grenze zum Nachbarn stehen und sie hat uns keinen Pfennig gekostet. Zu spät haben die lieben Nachbarn bemerkt, wenn ich nicht mehr auf ihren Tisch gucken kann, können sie es umgekehrt auch nicht. Wir sind glücklich, ihrer Aufmerksamkeit entronnen zu sein, und jetzt können wir ein Leben ohne neugierigen Nachbarn beginnen.

Der einzige Wermutstropfen ist: Ein Stück von sechs Metern ließ er offen, hier wollte und konnte er uns weiter beobachten, wir hingegen nicht. Eine alte sechs Meter breite und zwei Meter hohe Teichplane an ein paar Dachlatten genagelt und an seinen Zaun gestellt, läutete das Ende seiner Karriere als Späher ein.

  1. Jog

    Das ist wirklich mal eine witzige Geschichte wie sie sich auf so manchem Garten Grundstück hierzulande abspielen dürfte. Die Strategie den neugierigen Nachbarn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen verdient Respekt. Dass er letztendlich sogar den Garten Zaun gebaut hat, ist irgendwie grandios 😉 2 Fliegen mit einer Klappe… Aber fühlt man sich bei einer undurchsichtigen Bretterwand nicht auch ein wenig eingezwängt? Ich bevorzuge Pflanzen als Sichtschutz.

    1. Bernd

      Hallo Jog,
      Pflanzen wachsen langsam, jedenfalls wenn es eine dichte Hecke werden soll und er hatte es sehr, sehr eilig. Eine Bretterwand wächst schnell, das war das entscheidende Kriterium.
      Gruß
      Bernd

  2. Marsav

    Hallo ihr zwei,
    Vergesst es. Die sind zäh. Alles was die Sicht zu uns behindert, wird entfernt. Die stellen sich an den Zaun und schauen uns ins Wohnzimmer. Egal ob wir da sind. Es ist schlimm.

    LG Roswitha

  3. Marsav

    Super, Glück gehabt. Bei unseren Nachbarn würde das nicht fruchten.
    Die reißen den wilden Wein am Zaun ab, den wir extra dort hochwachsen lassen. Haben sogar eine ca. 3 m hoche Zypressenart von unten her kahl gemacht – ca. 1,50 m hoch sieht man jetzt nur noch Stamm.
    Und der Kommentar: Jetzt sehen wir wenigstens was! Das Ding stand an unserem Zaun (beim Nachbar auf dem Grundstück) und hat eine Breite von 2 m abgedeckt. Dahinter hatte ich mir einen lauschigen Sitzplatz zum Lesen eingerichtet – hab ihn nun wieder abgebaut.
    Naja – erst dachte ich, dass ich mir das alles einbilde. Aber als mein Mann den Schuppen aufräumte, saß der Nachbar direkt gegenüber in seinem Gartenstuhl und schaute die ganze Zeit interessiert zu. Bis er fertig war.

    LG Roswitha

    1. Bernd

      Es ist ein Graus, dass sich immer und überall diese Spezi findet. Wir können auch ellenlange Geschichten erzählen, nur die würde uns wahrscheinlich niemand abnehmen. Dein Nachbar, liebe Roswitha, hat bestimmt auch eine Stelle wo ein Lindenblatt das Drachenblut fern hielt. Diese Achillesferse musst du finden, der Rest ist Geduld und Ticktack.
      Lieben Gruss
      Angelika und Bernd

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