Stasi Vortrag in St. Michael

Wie kommen Sie nur auf die Idee, ein Spitzel zu sein? Nein, wir vom Ministerium für Staatssicherheit tun uns niemals mit Spitzeln zusammen. Wir arbeiten immer nur mit ehrlichen Menschen, niemals mit Lügnern und Denunzianten. So beantwortete ein Stasi Offizier die Frage eines neu angeworbenen Informellen Mitarbeiters (IM): Nun bin ich wohl ein Spitzel? Die Antwort zeigt deutlich das verquastete Weltbild derjenigen, die für den einst weltweit größten Geheimdienst alles und jeden bespitzelten.

In der gutbesuchten Woltersdorfer St. Michael Kirche begann um 19.00 Uhr der Vortrag des Politologen Helmut Müller-Enbergs zu Aktivitäten der Staatssicherheit in der Region und Woltersdorf. Der locker und gutaufbereitete Vortrag hat mich inspiriert, hier meine Schlüsse aus dem Gehörten wiederzugeben.

Der Politologe begann seinen Vortrag mit einer Übersicht über die Staatssicherheit und seiner informellen Mitarbeiter. Nachdenklich stimmte mich das Zahlenverhältnis der IMs zur Bevölkerung. Auf die Gesamtbevölkerung gesehen, war statistisch jeder 84te DDR Bürger ein Zuträger des kommunistischen Nachrichtendienstes. Da Säuglinge, Kinder und Jugendliche nicht zur Spionage geworben wurden und daher von der Einwohnerzahl abgezogen werden müssen, ändert sich das Verhältnis, jeder 55te oder 60te beobachtete sein Umfeld für die ehrenwerte Firma „Schwert und Schild der Partei“. Frauen, so stellte die Stasi bald fest, waren für den Dienst nicht so gut geeignet wie Männer. Man sagt zwar Frauen hören das Gras wachsen und kriegen eh alles raus, nur bei der Umsetzung happerte es. Frauen gingen oft eigene Wege und auf Nachfrage stellte sich dann heraus, sie waren der Meinung es besser zu können als ihre Führungsoffiziere. Untragbar nicht wahr, Männer dagegen erledigten ihren Job genau wie es ihnen aufgetragen wurde. So lag der Anteil der weiblichen IMs bei unter 20 Prozent. Wieder verschiebt sich das Verhältnis, jetzt war jeder 40te bis 50te Mann statistisch ein IM.

Ein winziges Detail am Rande, ich fand, es zeigt deutlich, alle wußten um was es bei der Stasi ging. Jeder IM hatte einen Decknamen, den konnte er sich selber aussuchen. Jeder Name war erlaubt, bis auf einen – Judas.

Woltersdorf, war eine einsame Insel im Stasiland, geheimdienstlich unterversorgt. Es gab hier sehr wenige IMs, dafür hatte der Ort aber zwei Spitzel, die einer besonders wichtigen Kategorie angehörten, wovon einer, Deckname Günter Konrad, zu denen gehörte, die Menschen ohne jeden Skrupel ans Messer lieferten. Den Namen konnte uns Müller-Enbergs noch nicht nennen, weil er noch nicht alle Akten ausgewertet habe. Die Aktenlage ist bei dieser, in der gesamten DDR nicht mehr als 3000 Personen umfassenden Gruppe übersichtlich, die Stasi hat erfolgreich viele Akten über den Personenkreis vernichten können.

Woltersdorf liegt idyllisch an mehreren Seen, ein beschaulicher Ort sich zu treffen. Die Staatssicherheit traf sich hier in ca. 40 konspirativen Objekten, in der Schleusenstr ebenso wie in der Rüdersdorfer Straße, An den Fuchsbergen und der Grenzstraße mit ihren geheimen Informellen Mitarbeitern.

Herr Müller-Enbergs hat uns mit seinen Vortrag, der mit vielen Zahlen und Daten gespickt war, sehr viel Information geboten und der Politologe der Gauck Behörde ist bereit, uns im nächsten Jahr in einem neuen Vortrag weitere Aufklärung über die Stasi zu geben und er hofft, uns dann auch reale Namen nennen zu können.

Als ergänzende Information, ein Spiegel Artikel vom 22.06.1998 über den wohl berühmtesten IM – IM Sekretär: Ein starkes Stück

Ein Artikel aus der „Welt-Online“:
Die tödlichen Methoden der DDR Staatssicherheit

1 thought on “Stasi Vortrag in St. Michael

  1. werlsee

    Es ist eigentlich nicht zu fassen, was man da so liest. Wenn ich darüber nachdenke, dann kann mein ehemaliger Chef oder mein Nachbar oder noch viel schlimmer ein guter Freund bei der Firma beschäftigt gewesen sein und hat alles von mir unter Umständen berichtet. Ein schrecklicher Gedanke.

    Gruß Yvonne
    mit neuem Bild

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