Schießen Sie doch vorbei

Hände falten
Köpfe senken
und dabei an Lenin denken

Harald Rabe in Woltersdorf

Harald Rabe

Harald Rabes Frau war Kindergärtnerin in der DDR und sollte dort die Kleinsten an den sozialistischen Götzendienst heranführen. Die 10 Gebote der Kommunisten, die jeder bei der Jugendweihe erhielt, kenne ich, dass sich die Perversität noch steigern ließ, war mir neu. Für eine Familie, in der christliche Werte hochgehalten wurden, eine schwere Bürde. Harald Rabe war, wie sein Neffe Peter Schäfer erzählte, etwas vorlaut, christlich und zu allem auch noch westlich orientiert, er musste zwangsläufig eines Tages mit der Stasi kollidieren. Über diesen Zusammenprall berichtete Harald Rabe, nach seiner Vorstellung durch Pfarrer Trodler, in der Woltersdorfer St. Michael Kirche.

Wie kam es, dass die Stasi sich für ihn interessierte? Der Anlass war banal, kein Ausreiseantrag, kein illegales Flugblatt, es war ein angetrunkener Anhalter zur nächtlichen Stunde. Harald Rabe hielt an, ließ ihn einsteigen und während der Fahrt erzählte der Fremde ihm, dass er Soldat bei der Grenztruppe sei. Hier nun begab sich der vorlaute Chauffeur in Gefahr, er wollte dem Grenzer seine Meinung sagen. „Junge wenn du wieder an der Grenze bist, dann sei so gut, lass die Leute gehen, die gehen wollen. Schieß vorbei.“ Das war’s, der Grenzer, am nächsten Tag wieder nüchtern, erzählte die Geschichte seinen Vorgesetzten und so bekam die Stasi Wind von dem gefährlichen Satz.

Acht Wochen bespitzelte sie alles rings um ihn, dann schlugen die Häscher in seinem Heim zu, sie ergriffen ihn, stießen ihn in ihr Auto, befahlen: Hände unter den Arsch und drohten mit dem Gebrauch der Schusswaffe, falls ihm einfallen sollte zu türmen. Nach 20 entsetzlichen Minuten stoppten die Greifer in der U-Haftanstalt Chemnitz. Dort musste er sich nackt ausziehen, alle möglichen Körperöffnungen wurden begutachtet und er bekam seine Häftlingsmontur und eine kratzige Wolldecke.

Vier Tage Einzelhaft, zum Weichklopfen, war der Einstieg in einen täglichen Verhörmarathon von morgens um neun bis in den späten Nachmittag. Unmengen von Personal der Staatssicherheit schnüffelten sich durch sein Leben, seine Wohnung, seine Bücher und insbesondere Tagebücher. Wenn der Stasiauftrieb einer produktiven Arbeit nachgehen würde, vielleicht würde es uns dann etwas besser gehen in der DDR, dachte Harald Rabe. Gedanken sind frei und unsichtbar, Tagebucheintragungen nicht und da standen Dinge, die für den Häftling, aus der kruden Sicht der SED Truppe, mörderisch waren. Er klagte dem verräterischen Buch sein Leid, dass seine Kinder zurückgesetzt wurden, weil sie nicht bei den Jungen Pionieren, bei der FDJ waren, sie keine Jugendweihe erhalten hatten. Ein Eintrag, der Wunsch nach einem vereinten Deutschland, brachte das Tagebuchfass zum Überlaufen. Wo er denn seine aufwieglerischen Reden geschwungen habe, etwa bei Freunden, Familie oder Kollegen wollten sie von ihm wissen. Jetzt sei es nicht mehr staatsfeindliche Hetze, nein mehr, etwas, das sie noch ausgiebig beleuchten müssten, aber 3 bis 10 Jahre seien da durchaus drin, beschieden sie dem unglücklichen Rabe.

In der Haft wurde er in die Verbrecherkartei aufgenommen, Fotos von allen Seiten, Fingerabdrücke genommen und ein Profil erstellt. An Schlaf war des Nachts nicht zu denken, die Schließer schauten immer wieder durch eine Türklappe und das Licht weckte den, der endlich einmal schlafen wollte. Morgens um fünf ging das Licht an in der winzigen Zelle und er hörte wie sie schrieen: wieviel, wieviel. Es ging darum wieviel Scheiben des alten Brotes jeder haben wollte, zwei, acht, zwölf hörte er. Ein junger Zellengenosse, immer hungrig, hortete seine Brotscheiben unter der Bettdecke, er hatte sie nie lange, beim Freigang durchwühlten die Schließer die Zelle und konfiszierten das Brot wieder. Ebenso selbstgemachte Spielkarten aus den Deckeln von Zigarettenschachteln, lange gesammelt und mühsam mit Zahlen gezeichnet, wurden sofort, wenn sie entdeckt wurden, eingezogen. 50 Mark konnte jeder Häftling im Monat von draußen bekommen, für Zigaretten, Schokolade, eben Dinge, die die Haft einen Augenblick versüßten, etwas Luxus eben. Bücher gab’s reichlich, die rote Literatur war Pflichtlektüre, sollte sie dem Gefangenen doch vor Augen führen: Mensch, du bist zu recht hier, seh’s ein, du bist ein schlechter Mensch. Ein Buch gabs aber nur selten, zweimal in der Woche für 20 Minuten und auch nur nach ausgiebigen betteln, die Bibel.

Seelisch war die Haft kaum zu verkraften, die Gedanken fuhren Karussell, kein rationaler Denkvorgang war möglich. Der Gefangene fühlte sich wie ein Frosch, vor dem sich die Schlange aufgerichtet hatte, bereit zum tödlichen Hieb. Drohungen der Schließer machten es noch schlimmer, ein kleiner Offizier machte ihm klar, wenn da draußen einer von seiner Haft erfährt wird’s schlimm, die holen wir uns dann, hier ist genug Platz.

Harald Rabe wurde nach 5 Monaten intensiver Verhöre zu 3 Jahren und 8 Monaten wegen staatsfeindlicher Hetze verurteilt und wurde 8 Wochen später in den Knast von Cottbus gebracht. Amnesty raunte es eines Tages durch die Zellen. Honnecker wollte die BRD besuchen und musste, bevor er das durfte, seine politischen Gefangenen entlassen. So kam Harald Rabe, sechs Wochen nach seinem Einzug in den Cottbusser Knast zurück nach Chemnitz, die Kompasszahl West – spätestens 31. Dezember 1987 vor Augen.

Am 12. August 1987 war’s soweit, in zwei Bussen wurden an die 50 Gefangene verladen. Rechtsanwalt Dr. Vogel aus Berlin, der sie verabschiedete, nannte den Menschenhandel zwar humanitäre Hilfe, aber das waren nur hohle Worte. In Herleshausen ging es über die Grenze, totenstill war es in den Bussen, kein Gefühl der Freude kam auf, sie fühlten sich nur ihrer Heimat beraubt.

Ganz genau kann es Jeder nachlesen, in Harald Rabes Taschenbuch „Schießen Sie doch vorbei“ für 8.90 Euro im Buchhandel zu bekommen.

  1. Steffen Hirschfeld

    Ich kenne Harald Rabe persönlich.Habe ähnliches Schicksal erlitten.Auch politische Haft in Chemnitz.

    Würde mich freuen ,mit Harald in Kontakt zu kommen.

    Wer kann mir dazu verhelfen?

    Schönen Dank für Ihre oder Deine Bemühungen.

    Steffen Hirschfeld

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