Ritter der Geschäftsordnung

Paragraphen, Satzungen, Geschäftsordnungen, Stauten, Allgemeine Geschäftsbedingungen, Dienstanweisungen erfüllen irgendeinen Zweck. Jeder Mensch kommt damit in Berührung, fast alle sind froh, wenn sie sich damit nicht beschäftigen müssen. Es gibt aber auch Menschen, die reiten ihr ganzes Leben fröhlich auf den Geschäftsordnungen herum. Sie entwickeln sich mit der Zeit zu Virtuosen in der geschickten Handhabung der Verordnungen. Kraft ziehen sie aus dem nie versiegenden Born der Regeln, die sie bei jeder Gelegenheit herauskramen, um sie anderen um die Ohren zu hauen. Paragraphenreiter werden die Ungeliebten hierzulande gern genannt.

Auch Woltersdorf, wie sollte es anders sein, hat einen Bürger, der liebt Geschäftsordnungen über alles. In jeder Sitzung unseres Ausschusses hat der Kenner eine Bestimmung parat, die es ihm erlaubt Macht zu demonstrieren. Macht, die er nicht auf Grund seiner Persönlichkeit erlangt hat, sondern Macht, die ausschließlich auf einer Geschäftsordnung beruht. Hat er dann so einen armen Abgeordneten irgendeinen Paragraphen, seiner ihm Macht gebenden Geschäftsordnung, um die Ohren gehauen, dann, ich seh’s ihm an, versinkt er in kleinkarierter Selbstzufriedenheit. Auf seinem etwas zu großen Stuhl hockt er dann, kringelt sich vor Freude, strahlt zufrieden, in sich verliebt, in die Runde. Kommt Widerspruch, um so besser, um so länger kann er seine Macht demonstrieren, die auf einem armseligen Blättchen Papier beruht.

In seinem letzten Ausschuss verstieg sich eine Abgeordnete dazu den Mund aufzumachen, ohne zuvor seine Erlaubnis erheischt zu haben. Solch Frevel, da greift ein Ritter der Geschäftsordnung sofort zum scharfen Vorschriftenschwert. Gewaltig donnerte seine Stimme, erschreckt richten sich die vor sich hindämmernden Zuschauer auf, fragen sich, was ist da los? „Frau K…, Sie dürfen hier nur reden, wenn Sie von mir das Wort bekommen, steht in der Geschäftsordnung.“ Peng, da hatte sie’s, musste den Strom ihrer Worte bremsen, den Mund schließen. Oder, „Herr M… Ihnen stehen nur zwei Redebeiträge zu einem TOP zu, sonst werden wir ja nie fertig, steht in der Geschäftsordnung.“ Peng, wieder einen Abgeordneten gezeigt wo der Hammer hängt. Er, der kleine Gewaltige hockte auf den etwas zu großen Stuhl, genoss den Moment, die Macht der Geschäftsordnung, strahlte und grinste übers ganze Antlitz.

Reisen wir etwas zurück in die Vergangenheit zum großen Tohuwabohu in einem Hauptausschuss. Ohne Rederecht johlte dort die bestellte Volksseele, das bestellte Wutgeheul, da saß er wieder mit am Tisch. Ohne die erhebende Macht seiner Geschäftsordnung. Da konnte ich zusehen, zuhören, wie er ohne Rederecht, den auf der linken Seite Grölenden lautstark seine Unterstützung gewährte. Geschäftsordnung, demokratische Spielregeln nichts scherte ihn mehr, das große Tohuwabohu gefiel ihm augenscheinlich bestens.

Nicht beleckt vom Wissen um die Geheimnisse von Geschäftsordnungen frage ich mich nun, wie passt das zusammen? Darf ein Abgeordneter in dem einen Ausschuss den Mob anheizen und in einem anderen Ausschuss einer Kollegin den Mund verbieten? So richtig verstehe ich die spezielle Woltersdorfer Demokratie nicht. Gibt es für diesen Fall eine besondere Geschäftsordnung in Woltersdorf?

Ich werd mal zum Griechen gehen, da soll es einen geben, der es mir erklären kann.