Oberhäupter – hie und da

Der junge Sänger, Jamal Ali, wurde 10 Tage lang von der Polizei eingesperrt. Damit ihm die Zeit nicht lang wird, zogen ihm die Ordnungshüter eine Tüte über den Kopf und prügelten seine Fußsohlen wund. Khadija Ismailova ist Journalistin und beschäftigt sich mit der Familie des Präsidenten Alijew, insbesondere mit den Geschäften der Sippe. Die ehrenwerte Präsidentenfamilie möchte nicht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen, jedenfalls nicht, wenn es um Geschäfte geht.

„Hure benimm dich, sonst werden wir dich entehren“ so lautete eine Nachricht, die die Reporterin kürzlich bekam. Zum Beweis legte der Absender einige Fotos aus ihrem Schlafzimmer bei. Khadija war wütend und veröffentlichte die Erpressung. Kurz darauf konnte sich jeder im Internet einen heimlich aufgenommenen Film ansehen, sie und ihr Freund in einer intimen Situation. Die Gazette der Regierungspartei druckte den Link zu dem Video ab und ein Sender der Präsidentensippe zeigte das Video. Zeitungen des Landes wurden angewiesen über die Verderbtheit der Journalistin zu berichten. So funktioniert Politik in Aserbaidschan. Gott sei Dank – weit weg – das kann uns nicht passieren, wir sind schließlich eine Demokratie.

Weit, weit weg von Aserbaidschan und Baku, im Herzen urdemokratischer Länder, gibt es einen kleinen Marktflecken, dort regiert der demokratisch gewählte Vulturinus. Der psychisch etwas labile Mitfünfziger wollte, als er vor langer Zeit gewählt wurde, Demokratie pur. Das Volk glaubte, jubelte und wählte ihn, ohne lange zu fragen, wer ist eigentlich dieser Vulturinus, wo kommt er her, was will er erreichen, welche Voraussetzungen bringt er mit. Kurz und gut, Vulturinus erwies sich als ein recht unfähiges Oberhaupt, das insbesonders kritische Veröffentlichungen über seine Stümpereien verabscheut. Ebenso wie sein Amtskollege Alijew versucht er alles, um die verhasste Stimme, die ihm sein Spiegelbild vorhielt, zum Verstummen zu bringen. Nicht mit Sexvideos, wie der aus Baku, nein ganz konventionell mit Anrufen bei Geschäftsfreunden des Nachrichtenmagazins, dort bat Vulturinus ungeniert die Beziehung zum Magazin zu beenden und wenn nicht – ja dann wird dir etwas passieren. Damit der Angerufene auch den Ernst der Lage begriff, wurden seine Anrufe parallel von einer jungen Dame begleitet, die den vielleicht noch Zögernden mit Anzeigen Beine machte. Doppelt genäht hält besser, dachte das Oberhaupt und bekniete den Vorsitzenden seines Unternehmerverbandes „Schwert und Schild“ Graculus für seine gerechte Sache mit in die Arena zu steigen. Graculus, ein bisserl feige, hilft ihm, aber nur bei älteren Damen, da kämpft Graculus mit den Mut eines Löwen für Vulturinus.

Ich finde Aserbaidschan ist doch nicht so weit weg, wie wir annehmen.

  1. Dorit

    Spiegel 21/2012 Seite 96 ‚Haftprotokoll eines Disidenten‘ Da wird über den Blogger Fang Hong berichtet. Der war so unverschämt wie du, er berichtete über China und seine Regierung. Ab – weg – zur Umerziehung in ein Arbeitslager – ohne Gerichtsverfahren und die Angehörigen wurden auch gleich mit aus den Verkehr gezogen. China, ein Paradies für Feinde von Öffentlichkeit und Transparenz. Das könnte den Chef von deinem kleinen Marktflecken gefallen.

    1. Bernd

      Umerziehungslager – da brauchst Du nicht so weit gehen, die gab es unter dem SED Regime im ganzen Ländle. Da wären ich und viele andere schon weg vom Fenster. Der Chef Vulturinus von dem kleinen Marktflecken ist flexibel, der umarmt Rot und Braun, wie er’s braucht – ist grad eine rotbraune Haselnuss.

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