Internetzensur

Ich habe mich mal in den Foren des Deutschen Bundestags zum Thema „Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten“ umgesehen. Besonders aufgefallen sind mir die vielen Beiträge, die von einer Zensur des Forums sprechen, wie die hier:

Dass hier inzwischen fast jeder Thread geschlossen wurde, spricht nicht gerade dafuer, dass hier freie Meinungsaeusserung herrscht.

Nein, es ist mehr als peinlich.

Gute Nacht Deutschland.

Das schlimme ist halt, es ist ihnen nicht mal ne Begründung wert.

Wäre schön wenn sich mal ein mod dazu äußern würde… ihr könnt das doch bestimmt!

Es werden ja nicht nur Threads geschlossen, sondern auch Beitraege geloescht.

Das einzige Kommentar ist dabei ein nichtssagender Verweis auf die „Richtlinien“.

Man beachte… Richtlinien != Regeln.

Viele Besucher beschweren sich auch über die Langsamkeit der Server des Bundestages. Damit kann man ja auch manchen vergraulen, der sonst einen Kommentar abgeben würde.

Gerade beim Bundestag erwartet man mehr Professionalität und bei einer solch simplen Software wie einem Petitionssystem hätte man auch eine Eigenentwicklung erwägen können.

Über die lahmen Server brauchen wir nicht reden, das ist extrem. Wobei man das Gefühl hat, dass es nur ein Server ist oder beim Load-Balancer gepfuscht wurde… also beim e-gov. muss noch einiges dazu gelernt werden.

Ein weiterer Punkt der oft angesprochen wird, ist die fürchterliche Arroganz unserer Politiker, hier ein Mini-Ausschnitt:

Wiefelspütz: „Gesetzgebungsverfahren nicht beeinträchtigt“ Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz bezeichnete gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Maßstäbe der „sehr engagierten“ Internet-Gemeinde als „teilweise undifferenziert“. Das laufende Gesetzgebungsverfahren werde durch die Petition nicht beeinflusst.

Ich empfinde es als eine Frechheit, dass Frau von der Leyen bereits im Februar 2009 das Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages vollkommen ignoriert, und die Kompetenz der Verfasser in der Öffentlichkeit nicht nur angezweifelt, sondern schwerstens verurteilt hat.

Es ist vor allem erbärmlich für Frau von der Leyen, dass sie die Ergebnisse dieser Studie als „unterirdisch“ bezeichnet hat. Ich sicher, dass sie diese Studie nicht gelesen hat und dass sie mangels IT-Kompetenz auch gar nicht in der Lage ist, die Ergebnisse zu verstehen.

Das Gutachten zum Nachlesen, für alle Bürger mit ein wenig mehr Sachverstand und dem Willen zum Verstehen der technischen Hintergründe: Gutachten des Bundestages

Nachdem auch die ARD endlich die Erreichung der 50.000er-Grenze der Petition zur Kenntnis genommen hat, muß man sich am Ende der Videoeinspielung auf der Website Tagesschau.de (Nach Stichwort „Petition“ suchen, erster Treffer, Video unten anklicken) Ungeheuerliches anhören:Wirtschaftsminister Guttenberg rückt die 50.000 Unterzeicher offen in die Nähe von Kinderpornographen!

Wäre da nicht eine Klage fällig?

Einhellig ist die Meinung darüber, das der Grund „Kinderpornografie“ nur vorgeschoben ist. Das die Überwachung das ganze Internet erfassen soll, um Informationsflüsse in für die Regierung genehme Bahnen zu steuern. Betroffen werden davon nur absolute Internetlaien, alle anderen können den Ursula Filter locker aushebeln. Dazu auch einige Äußerungen:

Ich lebe seit knapp zwei Jahren in China, wo ich beruflich in Changchun in der Provinz Jilin tätig bin und kann denke ich zu dem Thema „nur versierte Nutzer können Sperren umgehen“ etwas sagen.

Nach meiner Erfahrung ist das weniger eine Frage des technischen Sachverstands sondern eine Frage der Motivation und ob man direkt und offensichtlich einen Profit hat oder nicht.

Jeder der sich etwas mit Computern auskennt wird sich daran erinnern wie schwer es anfangs war, Leute dazu zu bringen eine Firewall oder einen Virenscanner zu nutzen, da diese erstmal nur den Rechner langsamer machten oder mit kryptischen Meldungen nervten. Dies hat sich aber heutzutage sehr geändert, da heute doch fast jeder weiß, was für Gefahren im Internet lauern.

Ein ähnliches Bild zeigt sich etwa heute bei Anonymisierungsdiensten; die will erstmal keiner haben, weil sie ja nur das Internet langsamer machen. Von dem positiven Effekt seine IP nicht jeder Seite zu offenbaren kriegt keiner was mit.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich aber hier in China, viele meiner deutschen Kollegen oder auch einige chinesische Freunde zeigen sich genervt wenn wieder mal eine Seite hier gesperrt wird, in der Vergangenheit oft Wikipedia und dieser Tage etwa Youtube.

Die sind dann alle sofort hellhörig und sehr interessiert wenn ich denen sage, daß es trotzdem Wege gibt, auch wenn diese ein wenig kompliziert sind. Inzwischen nutzen die alle begeistert solche Dienste.

Dazu muss gesagt werden, daß es hier in China nicht einfach reicht auf einen anderen DNS Server zu wechseln, man muss schon einen SSL Proxy verwenden oder einen der bekannten Anonymisierungsdienste.

Wirklich ALLE meine Freunde hier denen ich davon erzählt hatte nutzen sowas jetzt und sind zufrieden und keiner ist ansonsten ein „versierter Internetnutzer“, die hatten einfach die Motivation solche Programme zu nutzen, weil ihnen nach ihrem Gefühl hier in China etwas weggenommen wurde. Sie wollten also einfach wieder nur auf die gewohnten Seiten gehen wie vorher.

Dies stimmt mich dann doch mehr als skeptisch, daß diese geplante Sperrung von Kinderporno Seiten etwas bringt und zwar aus folgenden Gründen:

1. Die Konsumenten von solchem Material sind ja eindeutig krank und werden eine noch viel größere „Motivation“ haben wieder an solches Material zu gelangen als im Vergleich dazu Leute wie meine Freunde hier in Sachen Youtube und Wikipedia.

2. Dazu kommt wie gesagt, daß die Sperrung in Deutschland ja wirklich extrem simpel zu umgehen ist, wenn meine Freunde hier schon keine Probleme haben, sich einen SSL Proxy oder Anonymisierer einzurichten, wird es mit einem anderen DNS Server sicher

Der politische Vorsatz hört sich erst einmal gut an – keine Frage. Der Schuss wird aber – technisch gesehen – gewaltig nach hinten losgehen. Und es kann jeden treffen. Hierzu ein paar Erläuterungen:

Eine Webseite kann auf zwei Arten adressiert werden:

1. der bekannte Name

2. die sog. IP-Adresse

Namen von Webseiten wie „www.verboten.de“ sind Schall und Rauch. Sie dienen nur dazu, eine sog. DNS-Anfrage zu starten. Das Ergebnis der DNS-Anfrage ist dann immer die IP-Adresse des Servers, auf dem diese Webseite „gehostet“ wird. Die Verbindung mit dem Server geschieht immer über die IP-Adresse.

Was will nun die Bundesregierung filtern? Wenn die Bundesregierung „www.verboten.de“ zukünftig sperren will, werden ratzfatz drei neue Namen auftauchen. Ein solcher DNS-Namen kostet im Jahr ein paar Euro. Gesperrte Seiten können sich theoretisch kostengünstig einen ganzen Sack zulegen, die nach und nach aktiviert werden. Ein sehr albernes Spiel, wenn man glaubt, dem mit einem Gesetz Herr zu werden.

Vielleicht kommt der Gesetzgeber ja auch auf die Idee, IP-Adressen zu filtern. Dann hätte man das DNS-Problem nicht. Dafür aber ein anderes. Ganz davon abgesehen, dass man auch mehrere IP-Adressen betreiben kann (allerdings ein wenig teurer), gibt es noch das gegenteilige Problem: mehrere Webseiten liegen auf dem gleichen Server. Gerade für kleinere Webseiten ist das sog. „shared Hosting“ üblich, d.h. mehrere unabhängige Webseiten werden beim Provider auf einem einzigen Server betrieben – also unter der identischen IP-Adresse! Dort läge dann nicht nur „www.verboten.de„, sondern auch „www.harmlos.de“ und viele andere. Für die korrekte Antwort sorgt erst der Webserver selbst – aus Sicht der Providersperre würde erkannt werden: da möchte jemand auf den Server, auf dem „www.verboten.de“ liegt! Stoppschild, Alarm, Hausdurchsuchung, PC-Beschlagnahmung. Es ist also theoretisch denkbar (wenn auch nicht all zu wahrscheinlich), dass unbescholtene Internetuser eine harmlose Seite für Bastelideen aus Bambusrohr besuchen möchten, und anschließend unter Pädophilie-Verdacht stehen. Gemessen an der Schadenhöhe für Unschuldige ist selbst bei geringer Wahrscheinlichkeit das Risiko viel zu hoch.

Davon abgesehen, dass ich Kriminellen wesentlich mehr technischen Sachverstand zuspreche, als aktuell unserem Gesetzgeber. Wer wirklich mit diesen Dingen im Web agieren möchte, der wird einfache Lösungen finden, um die Internet-Sperre der Regierung zu umgehen. Man könnte alternative DNS-Server eintragen, einen Proxy dazwischenschalten, Datenverkehr verschlüsseln, Botnetze einsetzen. Die technischen Hintergründe möchte ich nicht im einzelnen erläutern, das würde zu weit führen. Aber jeder in der Informationstechnologie bewanderte Mensch ist dazu in der Lage. Egal ob ich, ein Informatik-Student, oder einfach nur ein cleverer Schüler. Dies hat jeder Experte erkannt, und es wurde auch öffentlich oft genug geschrieben. Nur der Gesetzgeber hat es nicht verstanden. Die Entscheidung wird von Aktionismus geprägt, und der Hoffnung, ein ausbaufähiges Sperrmittel für die Zukunft implementieren zu können. Das ist wie die Gier beim Jackpot, obwohl man genau weiß, wie unwahrscheinlich es ist, diesen auch zu knacken: man wird blind, und nicht mehr vernunftgeleitet.

Ausbaden müssen es die Normalbürger wie Du und Ich in den garantiert folgenden Pannen von Falschverfolgung und Verdächtigung. Also Menschen wie Du und Ich. Und Kriminelle lachen sich kaputt.

Aufschlußreich ist ja das sich die Demokratie in Deutschland damit auf die gleiche Stufe wie die Diktatur China stellt. Die Internetzensur ist der Anfang, was wird dann noch auf uns zukommen: Kino, Theater, Bücher, Maulkorb für Redner?

Jeder kann sich wehren. Wir haben Wahljahr! Die Aushebelung der Grundrechte wurde von der CDU, der CSU und der SPD gemeinsam beschlossen. Wählt doch einfach mal eine andere Partei, zeigt denen doch mal wo der Hammer hängt.