Hugo Hirsch und die Kinder von Oberhammeln

Oberhammeln wurde auf dem 150 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Hammelspring erbaut, von hier reicht der Blick weit ins Land. Bei gutem Wetter ist am Horizont zur einen Seite die Oder und zur anderen Seite der Moloch Berlin zu ahnen. Hier, in einem kleinen Rathaus mit seinen vielen winzigen Büros und einem Amtszimmer, groß wie ein Fernbahnhof, residiert Hugo Hirsch, Bürgermeister von Oberhammeln.

Heute ist ein besonderer Tag – Kindertag, der Bürgermeister empfängt in seinem Büro die Kleinen des Ortes. Jedes Mädchen, jeder Junge darf ihm eine Stunde lang Fragen stellen, obwohl Hugo Hirsch keine Fragen mag und erst recht nicht die Fragenden, sie nerven nur. Dorfschulze Hirsch rauscht in sein Büro, eilt zum Vertiko hinter seinem ellenlangen leeren Schreibtisch, nimmt eine dort liegende Schachtel Streichhölzer, reißt ein Holz an, hält es an das Stövchen mit den vielen kleinen Brocken Weihrauch. In sich gekehrt betrachtet er, wie sich die Glut ins Baumharz frisst und Schwaden des intensiv riechenden Rauchs ihn umwogen. Gierig zieht er ihn ein, sein dürrer Körper entspannt, er fühlt sich dem Anstehenden gewachsen. Er winkt seinem Adlatus zu, der nickt, öffnet die Tür und ein Schwarm von Buben und Mädchen strömt lärmend in den Saal.

Nach einigen Minuten aufgeregtem Geplapper wird es ruhig und Hugo Hirsch begrüßt die Kleinen, ermuntert sie Fragen zu stellen. Die freche Carola kann nicht an sich halten, „warum stinkt dass hier so fürchterlich?“, fragt sie. Der Bürgermeister, der in einem purpurnen Anzug steckt, lehnt am Fenster, seine spinnigen Finger häkeln sich in das Fell eines Zobels, der sich um seinen dürren Hals windet. Lange denkt der hagere Hirsch über Carolas Frage nach, plötzlich schießt sein Kopf nach vorn, der Mund öffnet sich, „weißt Du, der heilige Rauch heilt Kopfschmerzen und ich hab doch soviel Kopfweh. Carola hakt nach, „das riecht genau so, als wenn mein Bruder kifft, hast du auch eine Bong?“ „Nein, mein Kind“, erwidert Hirsch, „das hier ist Weihrauch, mit dem ehren die Menschen ihre Größten, kiffen ist nichts dagegen.“

Weiter ging’s, Karlchen fragte, „Magst du Hunde?“ Hugo Hirsch, „ja, ich liebe Hunde, sie sind so untertänig, nie gibt’s Widerworte, das mag ich.“ Hannes, schon etwas größer fragte, „haben Sie ein Vorbild?“ Nein, dozierte Hugo Hirsch, solange ich bisher suchte, nie hörte ich von einem, der würdig wäre, mir Richtschnur zu sein, aber damit muss ich klarkommen.“ Helga wollte wissen, „wie warst Du in der Schule?“ Hugo Hirsch dachte nach, „So wie ihr, mal gut mal schlecht, bis ich erleuchtet wurde. Da merkte ich, die Schule kann mir nichts mehr bieten.“

„Fährst Du Fahrrad“, erkundigte sich Mario. „Immer, den ganzen Tag strample ich nach oben und trete nach unten, da komme ich manchmal aus der Puste, das sag ich Euch“, erzählte der Bürgermeister den Kindern. „So, nun aber genug, ich muss heut noch viel repräsentieren, also nur noch eine Frage, gelle“, fuhr Hugo Hirsch, mit einem Blick auf die Kirchturmuhr, fort. „Mögen dich die Oberhammler“, wollte Monika wissen. „Eine gute Frage, eine schwere Frage“, erwiderte der Bürgermeister, „ich will’s mal so sagen, es gibt einige Hammel, die mögen mich, weil ich gut zu ihnen bin, ihnen von dem gebe, was ich raffen kann.“ Er fuhr fort, „daneben gibt’s aber ganz viele Oberhammler, die mögen mich gar nicht, weil sie meinen, ich sei trallala, denen gönne ich nichts außer einen Trrrii…. Ach, lassen wir das, das ist noch nichts für Kinder. Aber das müssen doch alle verstehen, nicht wahr?“

Soweit die heutige „Kolumne“ unseres Korrespondenten Franz Pauke vom „Kolportierenden Anzeiger“ aus dem Oberhammler Regierungspalast.

Alle Namen von Personen und Orten sind rein zufällig, wie es in einer Fabel sein sollte.