Hugo Hirsch gibt ein Interview

Zwischen Berlin und Oder auf dem Hammelspring liegt unser kleines Dorf Oberhammeln. Heute geht’s dort hoch her, rings um den Dorfanger sind Bierzelte, Buden, Karussells aufgebaut. Die blecherne Musik einer Blaskapelle killt jedes Gespräch im weiten Kreis. Der Geruch gebrannter Mandeln dringt mir in die Nase.

Ich, ich bin Franz Pauke vom „Kolportierenden Anzeiger“ Wir kennen uns bestimmt schon, bestimmt haben Sie meine Kolumnen aus und über Oberhammeln gelesen. Heute bin ich hier, um das Vogelschießen zu beobachten , aber zuvor möchte ich Hugo Hirsch, den Bürgermeister interviewen. So mach ich mich auf den Weg ins Rathaus und dort, in seinem Büro, groß wie ein Fernbahnhof, finde ich ihn.

Hugo Hirsch sitzt auf edlem Leder am riesigen Schreibtisch, in seinem mehrere Nummern zu großen Büro, linst Richtung Fenster, hört Musik, fröhliche Stimmen, muss hierbleiben. Nur weil dieser Heini von der Anzeigenpostille, der sich jetzt ihm gegenüber hinflegelt, ein Interview von ihm will. Muss aber sein, ist der Mensch doch auch Verleger vom „Kolportierenden Anzeiger“. Ein mieses Blatt, findet Hirsch, genau so mies wie der Kerl dem’s gehört. Der spacke Knilch hat Kohle und ist bereit mich damit zu sponsern, wenn er denn ein wenig mitpolitisieren und Geschäfte machen darf.

Kolportierenden Anzeiger: Herr Bürgermeister Hirsch, Sie sind seit wenigen Jahren Amtsträger in Oberhammeln. Können Sie in kurzen Worten skizzieren, was Sie bisher taten, um Ihre Vorstellungen von der Zukunft Oberhammels umzusetzen?

Hugo Hirsch: Viel, sehr viel, an sich deutlich mehr als ich müsste. Mein Schaffen ist nicht so deutlich zu sehn, eher verschwommen im Nebel der Politik. Ich sage es Ihnen, es ist viel, was ich in kurzer Zeit schaffte. Als erstes musste ich mich von einigen bockigen Angestellten trennen. Einige zeigten nicht die Begeisterung für mich, die ich voraussetze. Die verstockten Visagen verrieten sich selbst. Andere musste ich freistellen, die wussten mehr als ich, geht doch nicht, oder?

Kolportierenden Anzeiger: Sie haben, wenn ich Sie recht verstehe, eine neue Mannschaft um sich gescharrt, sind Sie damit zufrieden?

Hugo Hirsch: Absolut! Ich bewege mich unter Gleichen, keiner kann mir das Wasser reichen, ich bin jetzt der Klügste im ganzen Dorf. Zufrieden bin ich, sehr zufrieden, alles läuft wie ich es will. Nur diese verfluchten Kopfschmerzen, wenn die nicht wären, manchmal hilft auch der Weihrauch nicht mehr.

Kolportierenden Anzeiger: Weihrauch, Weihrauch, es gibt doch besseres und nicht teuer, ein Gramm für fünf Euro, hilft garantiert. Wie wirkt sich eigentlich der Austausch des Personals auf die Verwaltung im politischen Alltag aus?

Hugo Hirsch: Genaue Ergebnisse liegen noch nicht vor, können auch nicht, wir üben immer noch, wie eine treue Verwaltung funktionieren sollte. Ich erwähnte ja bereits, die Ergebnisse meiner Politik sind recht nebulös. An sich brauche ich auch keine Verwaltung, ich entscheide alles allein. Nur den Kämmerer brauch ich, einer muss irgendwann schlüssig erklären können, wo die ganze Kohle, ähm Fördergelder, Spenden, eben der ganze Kleinkram versickert ist. Reine Formalitäten, müssen aber sein.

Kolportierenden Anzeiger: Und der Gemeinderat? Wie kommen Sie mit den Fraktionen zurecht?

Hugo Hirsch: Fast alles Lumpen, sage ich Ihnen, kreuzgefährlich diese Brut. Aber ich bin dabei sie kleinzukriegen, zum Teufel jage ich sie, warten Sie nur die nächste Wahl ab. Da werd ich’s ihnen zeigen, wer Vogel und wer Wurm ist, the early bird catches the worm. Das wird aber nicht geschrieben, gelle, war nur für Sie. Offiziell schreiben Sie mal, der Gemeinderat wird sich bei der nächsten Wahl verjüngen und einige Parteien werden auf Jahre in Klausur gehen, ha, ha. Übrig bleibt nur mein Koalitionär von der Kreml Partei, na lassens den Stalin Verschnitt mal beiseite. Ein Glück, dass der immer im Ratskeller abhängt, macht vieles leichter.

Kolportierenden Anzeiger: Wie helfen Ihnen ihre Vereinsgründungen, können Sie sich auf sie verlassen?

Hugo Hirsch: Selbstverständlich, ich hab alles voll im Griff, diese Gescheiterten und Gestrandeten, wollen mit mir Kasse machen, ohne mich geht’s nicht, da müssen sie strammstehen.

Kolportierenden Anzeiger: Heute feiert die Gemeinde das jährliche Schützenfest, wie haben Sie es geschafft, das Fest mit Spenden zu finanzieren?

Hugo Hirsch: Organisation, nichts als gute Organisation. Ich habe allen Unternehmern gut zugeredet und sie spendeten mit wahrer Begeisterung. Dafür verschon ich sie eine Weile, eine Hand wäscht eben die andere? Fast die ganze Kohle wird von meinen Vereinen verwaltet, die bringen ja auch das Neue in den Ort. Das Alte muss verschwinden, alles! So wie bei der Evolution, ha, ha.

Kolportierenden Anzeiger: Werden Sie jetzt nach dem Interview das Schützenfest besuchen, werden Sie beim Vogelschießen mitmachen?

Hugo Hirsch: Nein, ich mag diese Volksbelustigung nicht, ich mag da nicht hinschauen, wenn die Federn fliegen, da krieg ich Kopfweh. Nein, ich werde mit meinen Verbündeten im Ratskeller über unsere Ziele beraten.

Kolportierenden Anzeiger: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Hugo Hirsch: Kein Wort ohne meine Autorisierung, verstanden.

Alle Namen von Personen und Orten sind rein zufällig, wie es in einer Fabel sein sollte.