Gedanken zum 1. Mai

Am 1. Mai werden die einen feiern und die anderen für ihre gewerkschaftlich orientierten Ziele demonstrieren. Gibt es eigentlich an diesem erst in jüngerer Zeit zum Kampftag der Arbeiterbewegung mutierten Feiertag etwas zu feiern? Was gibt es denn heute in Deutschland für die Arbeitnehmer noch Herausragendes?

Damals, 1989 nach der Wiedervereinigung gab es noch einmal einen kurzen wirtschaftlichen Aufschwung, jedenfalls im Westen. Im Osten konnten die Leute der rasanten Vernichtung ihrer Arbeitsplätze zusehen. Die fetten Jahre gingen aber auch in den alten Bundesländern schnell ihrem Ende entgegen. Das Kapital merkte geschwind, der kommunistische Feind im Osten war mausetot. Damit war kein konkurrierendes politisches System mehr vorhanden. Niemand brauchte die Massen mehr davon zu überzeugen, dass sie im besseren System leben würden, es war kein Grund vorhanden nach einem für die Menschen lebenswerteren zu fahnden.

Das Kapital reagierte wendig auf die veränderte Lage, das bedeutete im Klartext – ein neuer rauer Wind pfiff durch die Werkshallen und Büros. Seitdem müssen immer weniger Menschen immer mehr schaffen. Der Rest wird freigestellt. Für die Freigestellten hatte die meist mitregierende SPD die Lösung – Hartz IV, Renten- und Krankenkassenreform. Die kleinen Leute haben seitdem deutlich weniger Geld im Säckel.

In den Betrieben wurden neue, für den Unternehmer freundliche, Arbeitsmodelle gefunden. Praktikanten zum Beispiel, die erhielten die Möglichkeit ein Praktikum zu absolvieren. Die arbeiten jetzt umsonst – total umsonst. Die Römer, Griechen und Phönizier, die mussten ihre Sklaven noch füttern, ein Dach über dem Kopf geben, medizinisch versorgen. Das brauchte man heute nicht mehr, der Praktikant hatte sich doch freiwillig versklavt, na also, da muss er für alles alleine sorgen. Ein anderes, ganz tolles Sparmodell – Zeitarbeitsfirmen. Früher hatten wir Sklavenhändler. Das Konzept dieser Verleiher und ihrer Kunden ist so einfach wie genial. Die Arbeitgeber suchen sich keine eigenen Arbeitskräfte mehr, sondern mieten diese von einem Arbeiter-Verleiher. Firmen die nach diesem Prinzip arbeiten, brauchen nun keine Rücksicht mehr auf Kranke, Urlauber, Behinderte nehmen, brauchen keine Lohnbuchhaltung mehr. Das alles nimmt ihnen die Zeitarbeitsfirma ab. Der Arbeitssuchende, der sich in ihre Fänge begibt, hat meist eine lange Probezeit und einen deutlich geringeren Lohn als der Festangestellte in der Ausleihfirma und er muss immer um seinen Job zittern, denn heuern und feuern geht hier noch schneller als anderswo.

Vieles ist verloren, feste Arbeitsverträge, solide Tarifverträge, gerechte Bezahlung, Absicherung bei Arbeitslosigkeit und ein menschenwürdiges Auskommen im Alter, da wurde abgebaut und es wird weiter abgebaut. Seit Schröder wird soetwas Reformen genannt.

So ein System taugt nichts, in dem einige Arbeitgeber, immer weniger Arbeit anbieten, die von immer mehr Arbeitssuchenden begehrt wird – das endet in Abhängigkeit, in einer Art Sklaverei. Die Gewerkschaften und Parteien sollten sich überlegen, wohin dieser Weg führen wird, wie weit sie ihn mitzugehen bereit sind. Manche die sehen wollen, murmeln von sozialen Unruhen, bis dahin wird ’s noch lange dauern, zumindest bei uns Deutschen. Die Richtung ist aber vorgegeben, Griechen, Italiener und Franzosen werden den Weg zuerst gehen.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Ersten Mai

  1. Renate

    Danke für diesen Beitrag, lieber Bernd!

    Soziale Unruhen – ja, die könnten unter den gegebenen Umständen durchaus zu erwarten sein. Es gibt einige, die verdienen sehr viel Geld. Ob sie es wirklich verdienen, bleibt dahin gestellt. Aber auf alle Fälle geht viel Geld auf ihrem Konto ein.
    Es gibt viele andere, die wurschteln sich so durch, weil man für gute Arbeit immer weniger gutes Geld bekommt. Die soziale Ungerechtigkeit wird ständig größer. Und die Regierung unterstützt das.

    Viele Grüße von Renate, der Freiberuflerin, die heutzutage die Häfte des Honorars von früher bekommt – dafür doppelt so viel arbeitet.

    1. Bernd

      Ach, liebe Renate, Freiberufler sein, ist eben ein Job für Individualisten. Der Typus wird es immer schwer haben, keine Lobby und dadurch wenig Einfluss. Obendrein, Freiberuflers Partei -FDP- bringt den Stand auch nicht weiter. Einen Trost hat der Freiberufler, er ist – FREI – und das ist eine ganze Menge.
      Ganz liebe Grüße nach Bayern
      Bernd

  2. Bernd

    Hi Roswitha,
    mit Zeitarbeitsfirmen haben wir auch so unsere Erfahrung gemacht. Der Sohn von Angelika ist Maler. Als er ausgelernt hatte, wollte er vom Arbeitsamt einen Job. Für so etwas fühlten die sich nicht zuständig und in ihrem Computer tummelten sich fast nur private Vermittler. Also er hin, zu solch einem Privaten. Den interessierte nur der Vermittungsgutschein vom Amt. Mein Sohn hats nebenbei auch so kennengelernt: Vermittlungsgutschein und sonst nichts. Die vermittelten Stellen waren ausschließlich bei Sklavenhändler und das waren Buden, da hätten nicht einmal die alten Römer ihre Sklaven hingebracht. Darüber habe ich mal eine Geschichte geschrieben: Suche Arbeit. Den Weg findest du beim Tag: Arbeit oder der Kategorie: Job.
    Lieben Gruß
    Angelika und Bernd

  3. Marsav

    Ach ja, Du sprichst mir aus der Seele.
    Erstens habe ich früher ebenfalls mal für zwei Monate bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Als die Firma, zu der ich „geleast“ wurde, mich übernehmen wollte, verlangte die Zeitarbeitsfirma eine hohe Ablösesumme (wegen Abwerbung). Diese wurde auch prompt bezahlt und ich durfte nun in ein festes Anstelltenverhältnis überwechseln.
    Der Haken an der ganzen Sache war allerdings der, dass ich bei der Zeitarbeitsfirma erst am Ende des zweiten Beschäftigungsmonats mein Gehalt für den ersten Monat erhalten sollte. War vertraglich so vereinbart. Aber um überhaupt Arbeiten zu dürfen, nimmt man halt auch solche Hürden in Kauf.
    Doch als ich von der Firma XY übernommen wurde, bekam ich von der Zeitarbeitsfirma KEIN Geld. Weder für den ersten noch für den zweiten Monat.
    Die Begründung: Im Kleingedruckten stand drin, dass ich mindestens 3 Monate bei der Zeitarbeitsfirma beschäftigt sein müsste, um problemlos zu einer anderen Firma wechseln zu können.
    Ansonsten würden sämtliche Lohnansprüche verfallen.
    Ich habe nie mein Geld für diese beiden Monate erhalten!!

    So, nun wieder zum üblichen Thema:
    Wieso streikt hier eigentlich keiner in Deutschland???
    Hier wäre doch einmal ein flächendeckender Generalstreik angebracht!
    Aber nein, jeder hat a) Angst um seinen Job und b) sind wir für sowas überhaupt nicht erzogen worden.
    Wir sind es gewohnt, uns von oben dirigieren und Vorschriften (Gesetze) machen zu lassen, nach denen wir uns dann treu und brav richten können. Ist ja auch viel einfacher, als selbst die Initiative zu ergreifen.
    Der Deutsche braucht Gesetze und Regelungen, sonst kommt er aus der Spur.
    Schon wenn ich höre, dass die Diäten unserer Politiker wieder erhöht werden, könnte ich platzen vor Wut.
    So, ich mach nun Frühstück. Später vielleicht mehr noch dazu.

    LG
    Roswitha

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