Erste Bürgerversammlung

Die Weimarer Republik, das dritte Reich, vierzig Jahre DDR und zwanzig Jahre Nachwehen der Vereinigung beider Deutschlands hat Woltersdorf erlebt, aber solches, was am Freitag Abend geschah, hat der Ort niemals zuvor erlebt. Bürgermeister Vogel lud sein Volk ein, zu einer Bürgerversammlung im neuen Rathaussaal und dabei sollte jeder frei sprechen dürfen, das zeugt von Mut. Der Saal füllte sich und um 19:00 griff der Bürgermeister zum Mikrophon und skizzierte vor 130 Bürgern seinen drei Schwerpunkte umfassenden „fünf Jahresplan“.

Die Punkte sind: Ausbau der Weinbergstr., Bau der Mehrzweckhalle an den Fuchsbergen, Gehweg zur Schleuse und Rad-Fußgängerweg von Erkner nach Rüdersdorf. Er sprach über die Sandpisten des Ortes und die damit verbundenen Probleme der Anlieger, von aufgewirbeltem Staub, der das Leben schwer macht und von der Möglichkeit des Abhobelns der Schlaglochwege. Er machte deutlich, dass Straßen, die grundhaft ausgebaut sind, keine Chancen haben in den nächsten Jahren ausgebaut zu werden, weil dort nur 50 Prozent Anliegerkosten zurückfließen. Sandpisten dagegen bringen einen Rücklauf von 90 Prozent und die Anwohner einer solchen Piste können eher mit dem Bau rechnen. Eine Straße pro Jahr könnte so entstehen, Dr. Vogel warb für Selbsthilfe beim Straßenbau. Da gibt es die Möglichkeit, dass Bürger ihre Straße in eigner Regie bei vollen Kosten bauen und anschließend der Gemeinde schenken, damit die Folgekosten nicht bei den Bürgern hängen bleiben.

Danach gab er den Ring frei für die Bürger. Es entwickelte sich schnell eine sehr lebhafte Debatte, bei Einigen kochte die Seele und Emotionen schwappten über. Das zeigt, dass diese Bürgerversammlung gerade zur rechten Zeit kam und der Bürgermeister dafür das richtige Gespür entwickelte. Es gab Fragen danach, was passiert wenn Baufahrzeuge die Straßen weiter zermalmen, Andere wollten Auskunft über die Finanzen und wieder Andere stürzten sich auf die Mehrzweckhalle. Bei der Halle zeigte es sich, Bürger und Politiker stehen in unterschiedlichen Lagern. Die Gemeindevertreter, wohl insgesamt, wollen den riskanten Bau, die Bürger, wie mir scheint, in der Mehrheit lehnen das Vorhaben ab, oder wünschen sich eine preislich abgespeckte Form. Als Gemeindepolitiker würde ich nachdenklich werden, ob ich gegen den Willen des Volkes agieren möchte, die nächste Wahl kommt bestimmt.

Etwas störend fand ich, dass unsere Parteien die Gelegenheit nutzten, für den Standpunkt ihrer jeweiligen Fraktion zu werben. Als Bürger ist ihre Meinung willkommen, die Fraktionen können sich in der Gemeindevertretung und ihren Ausschüssen austoben. Abstoßend war das Verhalten einiger Bürger, angeheizt durch das Fraktionsmitglied einer Konkurrenzpartei der CDU, auf eine durch und durch sachliche Äußerung von Wolfgang Stock (CDU): „Das ist der fünf Jahresplan des Bürgermeisters, wir haben in der Gemeindevertretung dieses abgelehnt und an die Ausschüsse zurück überwiesen. Bitte unterscheiden Sie hier heute, dass das der fünf Jahresplan des Bürgermeisters ist, nicht der der Gemeindevertreter“. Der Rest ging im Tumult unter. Dem Gemeindevertreter, der da gegen Wolfgang Stock Stimmung machte, möchte ich ins Stammbuch schreiben, die Gemeindevertretung beschließt in Mehrheit und damit sprach der CDU Mann die reine Wahrheit, auch wenn es an dieser Stelle nicht so recht hingehörte.

Abschließen soll man mit Gutem, hier aber mal mit etwas ganz Schlechtem. Opa Hamann hat ein Lieblingsthema: Der Radweg an der Rüdersdorfer Straße. Hans Hamann hat das schon einmal in der letzten Gemeindevertreterversammlung angesprochen und damit wohl den Nerv von Amtsleiter Joecks getroffen. Da gings noch einmal gut ab. Jetzt, hier brachte Hamann seinen Radweg wieder aufs Tapet. Kernpunkt seiner Ausführung ist, Herr Joecks habe eine Zusage gemacht, dass der Radweg 2006 gebaut werden sollte. Irgendwie muss unser Amtsleiter mit dem linken Fuß aus dem Bett gefallen sein. Er sprang auf und stürzte sich verbal auf den alten Mann, drohte ihm vor 130 Zuhörern mit Konsequenzen, wenn er weiter behaupte, dass er, Joecks, solche Zusage gemacht habe. Herr Joecks, Bürgerversammlung = Diskussion = Demokratie, da prallen Gegensätze aufeinander, da krachts und rauchts auch mal, aber was Sie sich da geleistet haben, dass verschlägt wohl jedem die Sprache.

Dr. Vogel, Sie haben mit ihrer Bürgerversammlung eine KLASSE Idee gehabt und umgesetzt, lassen Sie es nicht die Letzte sein.

  1. werlsee

    Hallo Herr Heinitz,

    es gibt noch einen Punkt, der interessant war. Es kam von einigen Bürgern der Vorschlag, Straßen in Eigenregier zu bauen. In Petershagen, Zepernick, Treuenbrietzen, Brieselang, Kremmen usw. wurde das bereits praktiziert. Man findet noch mehr in einer Broschüre unter dem Titel :

    Gemeindestraßen-Leitfaden
    Brandenburg
    Arbeitshilfe für Gestaltung und Bau
    von Gemeindestraßen
    innerhalb bebauter Gebiete“ als pdf-Datei.
    Herausgeber ist das „Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung“ MIR
    Gruß Yvonne

  2. Andreas Heinitz

    Hallo, alle zusammen.

    Welch Glück für die MOZ, dass sie nicht so schnell schreiben konnte, wie das Ereigniss stattfand. Da kann man das Schreiben lassen und braucht nicht viel mehr als ein Foto in die Montagsausgabe zu investieren. Nicht das die MOZ noch „Bückware“ wird 🙂

    Das Interesse an der heutigen Ausgabe war sehr groß, ich habe eben noch das letzte Exemplar im Regal bekommen. Der Grund ist vielleicht die Bürgerversammlung am Freitagabend. Kein Fußball, dafür Bürgerversammlung in Woltersdorf. Geladen hatte unser Bürgermeister Dr.Vogel.

    Tolle Veranstaltung! Klasse Woltersdorfer, die endlich mal wissen wollten, wo ihr Geld hingeht und ob geplante Vorhaben wirklich in solch Dimensionen durchgezogen werden müssen. Viele Bürger fragen mich und ich leite mal weiter:

    Top 1 wie werden Anlieger unterstützt, die finanziell
    überfordert werden beim Ausbau der Strassen?

    Top 2 warum kann ein Unternehmen, wie die FAW, seinen
    Schulerweiterungsbau nicht selber finanzieren?

    Top 3 muss eine Sporthalle für Woltersdorf Olympische
    Dimensionen haben?

    Top 4 40 Tonner rauschen durch Woltersdorf,
    die Berliner Str. ist schon arg geschunden, wird zur
    Truckerrennbahn, 2 Tempo 30 Schilder für diese
    Trucks, geht das?

    Dies sind Fragen, die sich viele stellen, es sind keine Vorwürfe, gibt es darauf Antworten?

    Gruß Andreas Heinitz

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