Englische Abgeordnete in Not

26. Mai 2009 Aus Von BerndWohlers

Viele wollen in die Politik, einige, weil sie sich für ihr Vaterland engagieren wollen und viele, leider zu viele, die einen Posten mit hervorragender Versorgung bei geringem Aufwand und Können bekommen möchten. Es ist ein Problem aller Demokratien, dass die Parteien den Staat als Versorgungsinstitution für ihre verdienten Kämpen missbrauchen.

So auch in Britannien, der ältesten und ehrwürdigsten Demokratie. Auch das Ober- und Unterhaus der Insulaner wollte seine Mitglieder nicht darben lassen und stattete sie dementsprechend fürstlich aus. Irgendwann reichten die Moneten nicht mehr, man hatte Hunger auf mehr. Das ist wie bei einem Vielfraß, mit der Zeit weitet sich der Magen beim Schlingen und der Fresser braucht mehr und mehr Futter. So wurde für die hungrige ehrwürdige Gesellschaft ein System von Spesen erfunden. Spesen sind eine erstklassige Futterquelle, man kann das Mahl mit allen möglichen Zutaten garnieren und würzen und die Politiker des Inselreiches entwickelten darin besondere Kreativität, jedenfalls bis vor kurzem.

Bis sich der „Daily Telegraph“ auf dem Weg machte den Köchen den fetten Braten zu versalzen. Seit einiger Zeit, genauer seit zwei Wochen, klingelt jeden Tag so um 13.00 Uhr im Unterhaus das Telefon. „Wir haben Informationen über Sie, Goodbye“, erfährt irgendein Abgeordneter und er weiß, am nächsten Morgen erwartet ihn die öffentliche Hinrichtung. Mancher der Parlamentarier wünschte sich, er wäre in der Vergangenheit weniger kreativ bei der Spesenabrechnung gewesen. Der „Sunday Telegraph“ wollte bei der Bloßstellung der Gierpickel nicht zurückstehen und stellte Mandatsträger an den Pranger, die ihre Familienmitglieder mit guten Jobs versorgt hatten und sich das ordentlich vergolden ließen.

Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, fordert nun ein Ende der Treibjagd. Er nennt es eine Bedrohung für die Demokratie, wenn täglich neue Enthüllungen in den Zeitungen stehen. Wie sollen Menschen so jemals wieder Vertrauen zum demokratischen System bekommen.

Haben die Britten es doch gut, die haben mindestens zwei mutige Zeitungen und was haben wir? Überfressen sich unsere Politiker nicht auch? Sind sie die reinen Engel? Gibt es in unserem Lande kein Spesensystem? Hier erfährt die Öffentlichkeit jedenfalls nichts über Spesenabrechnungen. Haben bei uns nicht auch viele genug von der Demokratie und wenn ja, warum wohl?