Ein Hartzler und sein Amt – Teil 5

Uwe, HartzIV_ler, wartet noch immer auf sein Geld für die Erstausstattung. Uwe wartet seit September in seiner leeren Wohnung. Kein Stuhl, kein Tisch, überall gähnende Leere. Zuständig für Uwe ist das Jobcenter Strausberg in Brandenburg. Die ARGE kümmerte sich gewaltig. Uwe bekam Besuch von einem Prüfer, der die Leere besichtigen sollte. Dann ging erst der Antrag und danach der Bericht des Prüfers verloren. Die Formulare gingen im Amt den Bach runter, doch die Schuld wurde sofort beim Antragsteller geortet. Uwe musste sich ein zweites Mal durch den Papierwust wühlen. Aus dem Schaden klug geworden, lies er sich eine Quittung geben. Wir haben jetzt Dezember, Uwe bekam Besuch von einem neuen Prüfer. Jedenfalls behauptete der Besucher, er komme vom Jobcenter. Klasse dachte der seit Monaten auf dem Fußboden campierende Hartzler und fragte nach dem Dienstausweis des Herrn. So etwas konnte der gute Mann nicht vorweisen und Uwe hat ihm die Tür vor die Nase zugemacht.

Gestern sind wir im dichten Schneetreiben zum 30 Kilometer entfernten Jobcenter Strausberg aufgebrochen. Um 9:45 Uhr reihten wir uns in die Schlange an der Anmeldung, danach durften wir in dieser Vorhölle des Gruselamtes warten, sehr lange warten. Da guckte ich mich ein bisserl um. Als erstes fiel mir ein schön geschmückter Weihnachtsbaum auf, aber auch das zwei der vier Schreibtische nicht besetzt waren. Zwei Damen sollten das schaffen, was sonst vier erledigen. Dauert natürlich länger, aber Hartzler haben doch massig Zeit.

An einer der Damen verweilte mein Blick. Aufgedonnert stelzte die einem Paradiesvogel gleichende Angestellte auf höchsthackigen Stiefeln durchs Gelände. Ihre enganliegende Kleidung bot deutlich alles dar was nur zu bieten war. Vor ihrem Bauch funkelte das Simili einer Gürtelschnalle in der Größe eines Bierdeckels. Gewaltige, rotschillernde, angeklebte Fingernägel ragten weit über die natürliche Begrenzung der Finger hinaus. Ihr oberer Abschluss bildete eine mehrfarbige Mähne die hing ihr gleich einer Gardine über die geschminkten Augen. Arbeiten, wie will die in dem Aufzug mit den Krallen arbeiten, dachte ich und beobachtete sie. Es war ein spannendes Erlebnis zu sehen, wie sie mit den Spitzen der mehrere Zentimeter langen Krallen die Tastatur ihres Computers traktierte, nur mit Arbeit, richtiger Arbeit hatte das, was sie da bot, nichts zu tun.

Das Glück war uns hold, um 10:35 Uhr rief uns die andere Sachbearbeiterin auf. Sie hörte sich unsere Klagen über die sich dahinschleppende Erstausstattung an und konnte nichts für uns tun. Ausgerechnet die Prüfer hinterlassen keine Einträge in der virtuellen Akte, merkwürdig, wo die doch sonst alles aufschreiben. Die Schuld hatte natürlich wieder Uwe, er hätte den Prüfer auch ohne Dienstausweis hereinbitten sollen befand sie. Sie wolle sich dennoch, bravo, bei der Leistungsabteilung kümmern und wir sollen bitte wieder warten, das war um 10:50 Uhr. Es wurde 11:40 Uhr, die Mittagszeit des Amtes rückte in gefährliche Nähe und sie erschlug uns. Frau Briesemeister, die Sachbearbeiterin, teilte uns mit: nichts zu machen, wir können das heute nicht mehr klären. Der Rechnungsbereich wird sich telefonisch melden, ohne Anzeige der Rufnummer. Das war’s dann, wir waren abgefrühstückt und das Amt konnte zur wohlverdienten Mittagspause schreiten. Warum ohne Anzeige der Rufnummer, wollen die nicht angerufen werden? Wie praktisch, ein Amt ohne Anrufe, da läßts sich ruhig, ohne störendes Bimmeln, dösen.

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