Die Berliner Morgenpost und ich

Unser Unglück begann ganz harmlos, im Herbst letzten Jahres. Frauen, die brauchen das, so alle halbe Jahr. Sonst quälen sie sich und uns mit Entzugserscheinungen. Wir weilten in einem dieser modernen, nichts sagenden Shopping – Center. Im Foyer, da standen unter einem Sonnenschirm, so zwei Lümmels, bewaffnet mit Zeitungen und angelernten Lächeln.

Die Damen steuerten direkt drauf zu. Als wir uns trennten waren wir Kunden. Kunden einer großen Zeitung. Täglich frisch ins Haus, ganz früh, da hat die Henne noch nicht mal das Frühstücksei geliefert.

Heute ist Sonntag, wir versammeln uns um den Frühstückstisch, ohne Sonntagszeitung. Na, die ganze erste Woche hats ja geklappt, wird wohl am Sonntag keine geben. Die nächsten sechs Tage, es läuft wie am Schnürchen, aufstehen, Zeitung aus dem Briefkasten und die Welt ist in Ordnung. Nächsten Sonntag war plötzlich eine da. Sonntag darauf, wieder keine Zeitung! Wir vermissen was, sind irritiert. Mutter wird beauftragt das zu klären, alles was mit Telefon zu tun hat, ist ihr Bier. Frauen sind da diplomatischer, poltern nicht so schnell los.

Hoch und heilig ward uns versichert, Sonntags gibt seit eh und je die Morgenpost. Die Dame will sich drum kümmern. Der Computer, ja dieses dumme Stück hat irgendwelche Listen durcheinander gewürfelt. Wir hatten die Nieten gezogen. Kann ja mal passieren, nicht!

Seit einem halben Jahr haben wir jeden Tag, auch Sonntags unsere Zeitung, wir lesen sie gern, sind zufrieden. Dann kommt wieder so ein schwarzer Sonntag, nischt im Kasten. Leicht gnitschig eilt Mutter zum Telefon. Blah, blah, sorry die schmerzlich vermisste Lektüre wird nachgeliefert. Haben die auch gemacht, eine Zeitung ein Wort, oder wie’s so schön heißt. War nun keine Morgenpost, eher ein Abendkurier. Wissen sie wie langweilig eine alte Zeitung ist, nee, dann lesen se mal eine.

Wieder ein Sonntag, wieder nischt zum Lesen im Briefkasten. Der Alte spielt verrückt, grollt von Kündigung, will das Scheibenkleisterblatt nicht mehr im Hause haben. Wieder Anruf, wieder Beschwichtigungen. Wir wollen nicht noch mal in der Nacht das Altpapier haben. Die Dame versprichts, hoch und heilig, wir glauben ihr. Der Betrag soll gut geschrieben werden, na mal sehen.

Montag früh vier Uhr, die Berliner Morgenpost kommt, ich bin zufrieden. Zieh um sieben mit dem Hund los, der führt mich jeden Tag aus. Komm nach Hause, krieg Stielaugen, aus dem Briefkasten lugt ein dickes Bündel, sieht wie ne Zeitung aus. Ick habs richtig gepeilt. Die wollen uns nu obendrein verkackeiern. Sonntagabend war uns zu spät die wussten sich Rat, schickten uns das Sonntagsblatt am Montagmorgen. Nun war‘ s doch wieder ein Morgenblatt.

Kotzsauer, wenn man sich verhohnepipelt fühlt, na sie wissen schon was das für ein Gefühl ist. Ran ans Telefon, die Sonntagsnummer wird nie wieder kommen, wird nie wieder den Haussegen schief hängen lassen. Nun latscht der Hund und ich zur Tankstelle, da holen wir uns am Sonntag eine Zeitung zum Frühstück. Bewegung an der frischen Luft, tut ja auch gut.