Demjanjuk

Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Diese uralte Weisheit bewahrheitet sich immer wieder auf das Neue. Vor 64 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende und der Eine, um den es jetzt geht, war 24 Jahre alt. Geboren im „Archipel Gulag“ unter einem der beiden größten „Führer“ aller Zeiten, Stalin.  John, der sich damals Iwan nannte, wuchs während der Herrschaft der Roten in einer Atmosphäre von Angst und Schrecken auf. Es gehörte zum Alltag in der Sowjetunion, dass Menschen verschwanden und nie wieder auftauchten, sie wurden vom NKWD erschossen. Zur gleichen Zeit, ein wenig weiter Westwärts, da machte sich der zweite Führer, Hitler, auf seinen blutigen Weg. Auch bei ihm verschwanden die Menschen, erst bei Nacht und Nebel, dann immer schamloser, am Tag abgeholt von den Braunen und ihrer Gestapo. Iwan Demjanjuk hatte von Geburt an nur das Gesetz vom „Fressen oder Gefressen werden“ kennengelernt. Irgendwann geriet dieser Junge in die Hände der Deutschen, da ging es ihm nicht gut. Um einen vollen Bauch zu haben, zog er einen deutsche Rock an und wurde Wachmann in einem KZ. Außer Uniform und Sprache hatte sich für ihn nichts geändert. Die mit dem Stern mordeten genau so wahllos und gerne, wie die mit dem Hakenkreuz. Von Demokratie, Rechtstaat und solchen Sachen hatte er noch nie etwas gehört. Was da um ihn herum geschah, war für ihn in Ordnung. Er hatte ja nie etwas anderes gesehen und hatten nicht deutsche Juristen und Beamte die Grundlagen für seinen Job geschaffen? So musste in seinen Augen alles was er tat richtig sein.

Jetzt 2009 stellt man dem Jungen von damals die Rechnung. Die einen sagen, er hat Beihilfe zum 20.000 fachen Mord geleistet, die anderen reden von 29.000 Toten. Keiner wird die Zahl nennen können, die während Demjanjuks Dienstzeit in dem KZ ermordet wurden.

Nach heutigen Gesetzen muss er nach Jugendstrafrecht gerichtet werden und es müssen ihm konkrete Taten nachgewiesen werden. Ob das nach sieben Jahrzehnten noch möglich ist, ich glaube es nicht. Ob der inzwischen 89 jährige überhaupt einem Prozess folgen kann, einem Verfahren, das sich über Jahre hinziehen kann, ist zu bezweifeln.

Für den Fall Demjanjuk ist es zu spät. Was hat die Welt davon, einen alten Mann einzusperren, der vielleicht nicht einmal das Ende des Prozesses erleben wird.

  1. Renate

    Der Bundestag besteht zu 23 % aus Juristen. Die nächste Berufsgruppe, Lehrer, beträgt dann nur noch aus 5 %. Danach rangieren die Politologen mit 4,6 und die Volkswirte mit4.2, die Ingenieure mit 3,3 und so weiter.
    Der Bundestag wird also dominiert von Juristen. Wieso ist das wohl so? Das fragt sich
    Renate
    Hier übrigens ein Link zur Statistik: (Link geht nicht mehr)

  2. Renate

    70 Jahre nach der Tat „Recht“ sprechen zu wollen, also Gerechtigkeit walten zu lassen … ein bisschen spät, finde ich.

    1. Bernd

      Jo – das meine ich auch. Man hätte mit Adenauers Staatssekretär Globke anfangen können. Es sind in Deutschland kaum Juristen zur Verantwortung gezogen worden, dabei hockten sie genau wie heute an den Schaltstellen der Macht.

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