Bankenrettung – hatten wir alles schon einmal

Dieses Jahr stand ganz im Zeichen des €uro und der Rettung von unzähligen Banken, die zockten und verloren. Da fielen mir einige Schlagzeilen auf, wie: „100 Milliarden für die Banken. 1 Milliarde für die Bildung – muss das sein?“, oder, „..fünf Millionen geringqualifizierte Deutsche können sich von ihrem Lohn nicht mehr kaufen als 1985.“ Jede Zeitung vom Rechten bis zum Linken Rand hat sich dieses Jahr mit der wachsenden Armut und der sich spreizenden Schere zwischen Arm und Reich befasst. Die allgemeine Erkenntnis, die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Nichts Neues, kennen wir, seit zwei Jahren schon taumelt die Welt an dem Graben entlang, den die Spekulanten der Banken täglich neu aufwerfen. Wir Europäer dürfen als Dreingabe massig Mitgliedsstaaten der EU retten. Milliarde auf Milliarde wird gutes Geld schlechem hinterhergeworfen, bis auch unser Land auf Jahrhunderte verschuldet ist, nicht mehr zu retten sein wird. Gerettet werden die Reichen, die Banken, Hedgefonds, Spekulanten, Heuschrecken. Für die Armen bleibt nichts, außer Rechnungen, die sie nicht mehr bezahlen können.

Schon einmal im Winter 1929 wurde Deutschland in den Strudel des Unvorstellbaren gezogen. Die Weltwirtschaftskrise, losgetreten in New York, erreichte uns, traf das verarmte Land mit voller Wucht. Banken und Spekulanten waren ihre Geburtshelfer, wie auch bei dieser neuen Banken- und €urorettung. Treffend beschrieb Kurt Tucholsky die Malesche 1930 in einem Gedicht.

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn die Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur,

Aber sollen sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

von Kurt Tucholsky – 1930