Abwandern nach Westen

14. Juli 2010 Aus Von BerndWohlers

Bei den Temperaturen möcht ich glatt auswandern, weit weg, an einen Ort, wo es sich angenehmer leben läßt. Da fällt mir ein, viele sind ja schon weg; besonders die Jungen sind getürmt und sie machen sich auf den Weg, wie seit eh und jeh, Richtung Westen. Es ist nun über zwei Jahrzehnte her, da hat Helmut Kohl den hier Lebenden, im Überschwang der Gefühle, blühende Landschaften versprochen. Vor zehn Jahren bin ich, zurück, gegen den Strom, von West nach Ost aufgebrochen, zurück in das Land, dem ich einst heimlich Tschüß sagen musste. In Brandenburg angekommen, suchte ich seitdem die blühenden Landschaften, bisher vergeblich.

Gefunden habe ich Arbeitsämter, die waren voll von Menschen die einen Job brauchten. Die hinter dem Schreibtischen saßen hatten keine Jobs zu vergeben, da hat sich bis Heute nichts geändert. Woher auch, wirtschaftlich lag noch immer alles am Boden. Das Einzige, dass sie großzügig gaben, war der Rat – Verschwinde Richtung Westen, dort gibts Arbeit und damit dir die Entscheidung leichter fällt, gibt dir der Staat noch 5000 DM Reisegeld. So machten sich Viele auf den Weg, sie sind weg, für immer. Die, die blieben wurden miserabel behandelt. Die Einen leben bis heute von der Sozialhilfe, die Anderen jobben für deutlich weniger Lohn als Ihre Kumpels an der Ruhr. Sie werden die Treue zur Heimat, dann, wenn sie Grau geworden sind, mit deutlich geringeren Renten als im Westen bezahlen.

Die Jungen, die jedes Jahr von den Schulen kamen und kommen, bekamen und bekommen keine Ausbildung. Lehrstellen waren und sind rar wie Golddukaten und das wurde und wird kräftigst ausgenutzt, missbraucht von denen, die Verantwortung trugen und tragen für das Land, auch von den Unternehmern. Wochenlange unbezahlte Praktika und unbezahltes Probearbeiten war und ist Usus auf dem neuen Sklavenmarkt Brandenburg. Die Anforderungen an die eine Ausbildung Suchenden wurden in schwindelerregende Höhe getrieben, Abitur mit Durschschnitt 1.3 oder doch zumindest Mittelschule sollte es sein. Hauptschule, Mathe nicht mindestens zwei, die Bosse winkten ab. Da frag ich mich, wozu muss ein Bäckerlehrling Abitur vorweisen, wozu braucht der Kaminkehrer die Integralrechnung, wie hilfreich ist einem Steinsetzer das kleine Latinum, wozu soll ein Klempner wissen, wie Literatur analysiert wird, ist es notwendig das der Fahrer einer Straßenbahn die Hexameter Homers in der Sprache der Ilias zitieren kann. Meiner Meinung nach nicht, hier ist allerhand schief gelaufen. Das Ergebnis ist allen bekannt, zwei Generationen sind auf der Strecke geblieben, ohne Ausbildung, ohne Zukunft, ohne je etwas für die Allgemeinheit zu bringen. Endstation HartzIV!

Rin in de Kartoffeln, raus aus de Kartoffeln, jetzt 20 Jahre nach der Wende heißt es: JEDES DRITTE UNTERNEHMEN LEIDET UNTER DEM MANGEL AN FACHKRÄFTEN und es wird schlimmer kommen. In den Unternehmen wurde gar nicht oder deutlich zuwenig ausgebildet und die Alten gehen in Rente. Für die Dreh- und Hobbelbänke gibts alsbald keinen Nachwuchs mehr. Der Kampf um die verbliebenen qualifizierten Arbeitnehmer wird hart und besonders für kleine Unternehmen kaum zu gewinnen sein. Auf einmal geht deshalb, was vorher unmöglich war: Mitarbeiterbindung durch flexible Arbeitszeiten, Vereinbarung von Familie und Beruf, anständige Löhne, attrakives Umfeld und, und, und. Nützen wird es wenig, die Abgewanderten werden kaum zurückkommen und die Alten werden nicht jünger. Es bleibt noch das riesige bei HartzIV geparkte Heer der Hoffnungslosen, dessen Mehrheit aber eine vernünftige Schul- und Ausbildung verwehrt wurde. Sie, die seit vielen Jahren in die Ecke gestellt wurden zu mobilisieren, wird auch kein großer Erfolg beschieden sein, welcher fast 30 jährige ist gewillt jetzt noch eine Ausbildung zu beginnen, nach 10 Jahren angeordnetes Rumgammeln.

Die Zukunft sieht düster aus für Brandenburgs Unternehmer, die Chefs werden für viele Jahr kurzsichtiger Unternehmensplanung teuer zahlen müssen. Dabei geht die Abwanderung der Jungen, dem Humankapital unseres Landes, ungebrochen weiter, Richtung Westen.