Zweimal Karfreitag

Vor knapp 2000 Jahren. Es ist noch tiefe Nacht als Jesus von den Schergen des Kaipas vor den Rat der Hohepriester geschleppt wird. Die Juden halten Gericht über ihn, sie wollen von ihm wissen, ob er der lang erwartete Messias sei. Die Frage danach bejaht er ausdrücklich. Die Priester beschließen ihn der römischen Gerichtsbarkeit zu überstellen.

Letztes Jahr; Vor uns liegt Ostern, ein verlängertes Wochenende. Die Baumärkte, Getränkeshops und Kaufläden sind wie leergefegt. Die Nacht dämmert wieder einem Karfreitag entgegen. Es ist ein Feiertag, was für einer? Egal, Hauptsache wieder ein freier Tag.

Die Sonne steht noch nicht lange am Firmament, als Jesus vor dem römischen Stadthalter Pilatus getrieben wird. Pilatus hat keine Lust, sich in die verzwickten Streitereien der Juden einzumischen. Die Juden haben dem Angeklagten Hochverrat vorgeworfen. Das kann nur an einem römischen Gericht verhandelt werden. So muss Pilatus richten, obwohl er keine Schuld an Jesus findet.

Der Bunsenbrenner dröhnt, Dachdecker schleppen Dachpappe. Aus einer Ecke stottert eine Kettensäge. Rasenmäher beginnen ihre Runden zu drehen. Bierkästen klappern, die Komasäufer von gestern werden langsam wieder fit, für den vor ihnen liegenden Tag.

Es ist Mittagszeit, Pilatus will den Prozess zu Ende bringen, die jüdischen Querelen langweilen ihn, er möchte sich zurückziehen, ein wenig ruhen. So verurteilt er Jesus und zwei Verbrecher zum Tod und befiehlt die Hinrichtung noch am gleichen Tag.

Der Duft aus den Küchen wabbert durch die Gärten. Die Mägen beginnen zu knurren. Die Dachdecker beenden ihr Werk. Die Kettensäge stottert leiser und die Rasenmäher verstummen, einer nach dem anderen. Nur bei den Kampftrinkern wird es etwas lauter, sie sind in der richtigen Stimmung, singen fröhliche Lieder.

Am späten Nachmittag flechten sie seine Krone aus Dornen, pressen sie ihm aufs Haupt, verspotten ihn als König der Juden. Knechte geiseln ihn blutig und laden ihm sein Kreuz auf die Schultern, der lange Weg nach Golgatha kann beginnen.

Tassen klappern. Der Duft aus dutzenden Kaffekannen dringt in die Nasen. Auf den Tischen stapeln sich Erdbeertorten, Käsekuchen und Bienenstich. Zigarren und Cognac werden gereicht. Kinder kreischen, Herren erzählen zweideutige Witze, Damen erröten. Was soll’s, ist doch ein Feiertag und man gönnt sich ja sonst nichts.

Volksfeststimmung. Die Kreuze ragen drohend in den Himmel. Unlösbar mit ihnen verbunden, hängen dort die drei Todeskandidaten. Stunden vergehen, einem römischen Legionär dauert’s zu lange, mit der Lanze sticht er Jesus in die Seite. Der Himmel verdunkelt sich, Sturm peitscht über den schaurigen Platz. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, ruft der, dessen Vater ihn bereits erwartet.

Versunken ist die Sonne, die Dämmerung kündet das Ende des Tages an. Die Stimmung ist prächtig. Lautes Lachen und Scherzen, rings um uns. Da und dort verkünden aufsteigende Rauchwolken vom beginnenden Grillabend. Die Witze sind jetzt eindeutig, Damen kichern, erröten nicht mehr. Gläserne Flaschen stoßen aneinander. „Prost“, klingt’s von hier. „Auf dein Wohl“, schallt’s von dort.

Josef von Arimathäa hat von Pilatus die Erlaubnis erhalten, Jesus in einem Felsengrab beizusetzen. Es ist tiefe Nacht, als sie den Leichnam vom Kreuz nehmen und ihn bestatten. Das Grab wird mit einem großen Stein veschlossen. Eine römische Wache zieht auf. Niemand soll sich des Toten bemächtigen.

Stockdunkle Nacht, man kann die Hand nicht vor Augen sehen. Die Lampen sind längst erloschen, die Grills glühen nicht mehr. Müde vom vielen Gutgehenlassen sind die Menschen unserer Kolonie in den Schlaf gefallen. Nur unsere Komasäufer gröhlen durch die Nacht, bis auch sie auf ihren Stühlen zu schnarchen beginnen.

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