Im Regio, zwischen Greifswald und Berlin

Der Regio von Stralsund nach Elsterwerder fegte in den Bahnhof von Greifswald. Bremsen kreischen, Eisen auf Eisen, die Musik ging mir durch und durch.

Noch den letzten Trödler aussteigen lassen, dann schnell den Waggon entern. Ich hab einen Platz am Fenster ergattert, so kann ich bis Berlin in die vorbeirauschende Landschaft schauen.

Auf der anderen Seite des Ganges, im Abteil mir gegenüber, kuschelte sich ein Mann, Ende der Fünfzig, in seinen Sitz. Oben wurde er von einer Baskenmütze begrenzt, an seinem schweißnassen Hals baumelte eine schiefsitzende rote Fliege. Er trug eine dicke, grüne Joppe, wie sie gerne von Jägern getragen wird. Um ihn herum waberte ein streng säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier und das einen Tag vor Heiligabend. Sachte stellte er einen weit ausgebeulten Rucksack auf den Sitz neben sich, leise klirrte es dabei im Inneren. Gleich darauf tippte mein Mitreisender auf der Tastatur seines Handys und begann eine laute, sehr laute Unterhaltung mit Ortwin in Dresden, den er besuchen wollte. Die beiden planten eine Zeit lang eifrig an einem Zug über den Weihnachtsmarkt an der Elbe.

Einige Stationen weiter lief ein junger Mann durch den Zug, auf dem Kopf eine gehäkelte, blaue Mütze mit Bändeln an den Seiten. Der Rest von ihm war mit einem Parka, Jeans und Turnschuhen verhüllt. Der Junge verharrte bei jedem Abteil und fragte nach einer kostenlosen Mitfahrgelegenheit auf einem Mehrpersonenticket. Der Träger der Bierfahne winkte ihn zu sich. „Ich helfe immer gerne, wenn ich kann und hier kann ich Dir helfen“, rief er. „Du kannst auf meinem Ticket mitfahren“, strahlte er. „Danke“, murmelte der wohl knapp Dreißigjährige und ließ sich mir gegenüber in den Sitz fallen.

Mann, laut: „Wenn ich dich schon mitnehme, muss ich auch wissen, wie Du heißt. Ich heiße Olaf.“

Junge, leiser: „Das ist auch ok, ich heiße Sebastian.“

Olaf: „Wo willst Du hin?“

Sebastian: „Nach Berlin-Gesundbrunnen.“

Der beiden wurden von der Zugbegleiterin unterbrochen, sie wollte die Fahrkarten sehen. Olaf erklärte ihr, dass Sebastian sein Sohn sei und auf seinem Ticket mitfahre. Die Schaffnerin nickte und ging weiter zum nächsten Abteil.

Olaf nahm den unterbrochenen Faden wieder auf und fragte weiter: „Was willst Du denn in Berlin?“

Sebastian: „Meine Schwester besuchen, die wohnt mit ihrem Kind in Berlin.“

Olaf: „Sebastian, wie alt bist Du und was machst Du?“

Sebastian: „Ich bin achtundzwanzig und bekomme Hartz IV.“

Olaf: „Was arbeitet denn deine Schwester?“

Sebastian: „Die lebt auch von Hartz IV. Der Kerl, der ihr das Kind andrehte, hat sie sitzen lassen.“

Olaf griff in seinen Rucksack, angelte eine Bierflasche, öffnete sie mit einer Zweiten, nahm einen tiefen Schluck und examinierte Sebastian weiter: „Mhm, du machst also gar nichts? Du bist aber noch so jung, da solltest Du etwas machen. Was machst Du denn so den ganzen Tag?“

Sebastian: „Ich habe da mal ne Gärtnerlehre angefangen, aber da kriegte ich Allergien und musste da weg. Dann bekam ich mal so einen ein Euro-Job. Jetzt nischt mehr, das Arbeitsamt hat nichts für mich. In unserm Dorf gibt es keine Jobs.

Olaf: „Was machst Du denn so, den ganzen Tag?“

Sebastian: Mit Freunden rumhängen und fernsehen, ist ja sonst nischt los bei uns.

Nun kam Olaf richtig in Fahrt. Es war still geworden in unserem Waggon, die restlichen Fahrgäste hörten teils interessiert, teils genervt zu. Ums Zuhören kamen sie nicht herum, das Interview wurde dezibelstark von Fenster zu Fenster, quer durch den Zug geführt. „Du hast doch noch ein ganzes Leben vor dir. Du kannst Dich doch nicht nur auf das Arbeitsamt verlassen, da kriegst Du nie was. Du musst Eigeninitiative ergreifen, dann klappt’s immer.“

Sebastian, ganz einsichtig: „Ich finde mein Leben ist auch ein Scheiß. Ich will auch nicht den ganzen Tag fernsehen, aber ich findet ja doch nichts. Die Schule hab ich bis zur achten Klasse gemacht, kam nicht mit dem Lehrer klar. Eine Ausbildung konnte ich auch nicht machen, gibt eben nichts in unserem Dorf.“

Olaf hebelte den Verschluss von der nächsten Pulle aus: “ Das ist doch kein Argument, Du musst Eigeninitiative ergreifen, sag ich dir. Du bist noch jung, wie stellst Du dir denn mal deine Rente vor. Jeder findet was, wenn er will. Willst Du auch eine Flasche“.

Sebastian mochte kein Bier: „Ich weiß nicht, wie meine Rente wird, wahrscheinlich auch nicht mehr wie Hartz IV, ich habe ja nie gearbeitet.“

Olaf donnerte theatralisch: „Ich kann Dir nur helfen, wenn Du die Eigeninitiative ergreifst. Ich kann Dir aber mal nen Tipp geben. Wenn Du in Berlin bist, geh doch mal zu den Schaustellern auf den Weihnachtsmärkten. Die suchen immer Mitreisende zum Auf- und Abbauen. Bei denen haste Essen und Wohnen frei und bekommst noch gute Euros. Denk mal darüber nach.“

Sebastian gähnend: „Gute Idee, ich werde es mir überlegen, das vielleicht machen.“

Olaf steigerte sich in seine tolle Idee und ging dabei den restlichen Fahrgästen fürchterlich auf die Nerven. Dann verstummte der Dialog, Sebastian war eingeschlafen.

In Eberswalde stiegen viele Fahrgäste ein, es wurde richtig voll. Eine Frau wollte sich neben Olaf setzten und bat ihn, den Rucksack von dem Sitz zu nehmen. Olaf reagierte nicht. Sie bat ihn noch einmal, richtig energisch. Jetzt wurde Olaf munter. „Scheiße, kannste dich nicht woanders hinsetzten. Ist doch Scheiße…“. Der Rest versandete in unverständlichem Gemurmel. Alles fiel von Olaf ab, die Hilfsbereitschaft, die gewählte Aussprache, alles war mit einem Schlag verschwunden. Olaf, bisher durch und durch bürgerlich, häutete sich zu seinem wahren ich.

  1. Max

    Hallo Bernd, hallo Friedrich!

    mich ärgert es auch, wenn junge Leute sich nicht mal Gedanken über ihre Existenz machen und statt dessen von einem in den nächsten Tag leben… Aber ich weigere mich erstens zu akzeptieren, dass alle außer Frauen Sozialschmarotzer sind und zweitens, dass die Linke deren Sprachrohr ist.
    Es kann immer zu Schicksalsschlägen, Unfällen usw. kommen, die einen kurz- oder mittelfristig eben darauf angewiesen sein lassen.
    Grundsätzlich gehts hier aber denke ich mehr um nervende Fahrgäste und diese Sicht teile ich! Laut telefonierende oder in der Bahn Döner essende Menschen z.B. machen mich wahnsinnig…
    Gruß, Max

  2. Friedrich

    Ein erfolgreiches, neues jahr wünsche ich !

    Schöner Beitrag. Harz IV ist wohl eher eine Lebenseinstellung. Alles nehmen, aber nichts geben, so wie bei Olaf.
    Da bräuchten Viele mal einen gewaltigen Tritt und eine Kürzung der Bezüge. Im Männerwohnheim ohne Handy, Bier, Fernseher und Bahnticket lebt es sich bei 3 täglichen Mahlzeiten doch recht gut.

    Ausnehmen möchte ich hier unbedingt allein erziehende Mütter, aber die Männer zu den Kindern sind doch oft sehr zweifelhaft.

    Nach meiner Meinung bekommen die meisten Harzis fürs Nichtstun viel zu viel. Und nicht vergessen : die Linkspartei ist deren politisches Sprachrohr .

Kommentare sind geschlossen.