Gedanken über ein Wahlplakat

Heute stand ich vor einer Laterne, Bürgermeister Rainer Vogel und einige andere baumelten daran auf einem Wahlplakat. Zu sehen sind Mimen, die krampfhaft die Mundwinkel auseinanderreißen. Gebisse fletschen mich an. Ich überlege, ob die Pantomimen grinsende Haifische darstellen sollen. Ich werde die Protagonisten mal fragen, wenn sie sich denn fragen lassen. Der Bürgermeister spricht ja grundsätzlich nicht mit mir. Grüßen erst recht nicht, ist wohl in Bayern, von wo er herkommt nicht üblich.

Eng schmiegt sich die 70 jährige Heidemarie Brauer an Vogel, lächelt huldvoll. Eine liebe Frau, ich mag sie, immer wenn wir zusammen in einer Bürgerversammlung waren, bemühte sie sich unentwegt um mich. Ständig warnte sie die Bürger von Woltersdorf mit Sätzen wie – der hat hier gar nichts zu sagen, der ist aus Waldsieversdorf – vor Überfremdung. Ja, die Welt ist überschaubar, wenn ihr Durchmesser von Rüdersdorf bis Erkner reicht. Wird sie gewählt, muss sie volle 5 Jahre durchstehen, schwere Bürde für eine alte Frau, die sich eher ihrem Lebensabend widmen sollte.

In der kleinen Woltersdorfer Diaspora bemüht sich auch ihr 72 jähriger Gatte als Kandidat der „BI Unser Woltersdorf“ um Kreuzchen bei der Wahl. Mit den Kreuzchen, da hatte er bei einer Wahl so seine Probleme, er wurde gewählt und nahm dann die Wahl nicht an. Da haben sich aber seine Kreuzchengeber gefreut, denke ich mal. Nun möchte er noch einmal.

Hinter ihr ein bekanntes Gesicht, Jelle Kuiper sagt das Mitteilungsblatt, bei Facebook heißt er Jeroen Kuiper. Viele Namen hat der Mann, der in dieser Legislaturperiode, von einem Tag auf den anderen, sein Mandat als Abgeordneter hinwarf, um nach Medelin in Kolumbien zu gehen. Die Frauen und Männer, die ihm mit ihrem Kreuzchen ihre Stimme gaben, die müssen sich gefreut haben, da entfleucht ihr Kandidat und Abgeordneter mitten in der Wahlperiode nach Medelin. Da frage ich natürlich, wenn der Jelle oder Jeroen oder sonst wie Kuiper wieder gewählt wird, steht er dann fünf lange Jahre durch? Oder macht er sich irgendwann, Gemeindepolitik hin und her, wieder mit einem Flieger auf und davon? Südamerika, Kolumbien, Medelin. Gute Reise Herr Kuiper. Auf der Facebook-Seite von Jeroen Kuiper habe ich dann seine Freunde entdeckt, z. B. Askell Kutzke und Michael Hauke, beide Kandidaten der „BI Unser Woltersdorf“.

Einen Blick wollen wir noch auf unseren, an der Laterne hängenden, Bürgermeister werfen. Er, der Bürgermeister, darf sich bei der Kommunalwahl nicht wählen lassen. Warum ist er dann auf dem Plakat zu sehen? Stimmenfang? Ein Trick, um für seine Partei ein paar Prozente mehr einzufahren? Ich meine, von der Rechtslage ist es möglich, aber politisch doch grenzwertig bis verwerflich, da es den Wählern etwas suggeriert, was nicht der Fall ist. Aber so ist es eben mit den Grenzwertigkeiten, wie mit der Körnerstraße.

  1. Renate

    Köstlicher Artikel, lieber Bernd, hab ihn mit größtem Vergnügen gelesen. Und was Politiker betrifft, völlig egal, ob Gemeinde-, Stadt-, oder Landespolitik … man kann sie alle in einen Sack stecken und dann mit einem Knüppel draufhauen. Es trifft immer den richtigen. Das Haifisch-Gegrinse auf Wahlplakaten und andernorts kotzt mich schon seit Jahrzehnten an. Politiker, eine ganz besondere Gattung Mensch …
    Bei uns ist seit kurzem ein Grüner zum Bürgermeister gewählt worden. Dieser Mann gibt Anlass zu Hoffnung, denn nicht durch die Bank weg alle sind gleich.
    Liebe Ostermontagsgrüße an dich und den Feuerspucker – von Renate
    P. S.: In dem Dort, wo ich wohne, sagt man auch „Grüß Gott“ … falls der dann irgendwann irgendwo gesehen werden sollte.

  2. Bernd

    Ja, dann, ja dann, muss er auch in Bayern unangenehm aufgefallen sein. Dann kann ich verstehen, dass er sich nach Brandenburg abgesetzt hat.

  3. Blitzmaerker

    Hallo Bernd, also hier in Bayern ( zumal auf dem Dorf ) grüßen sich alle (besonders Fremde und Zugereiste) – zumeist mit „Grüß Gott“ . Erst recht der Bürgermeister.
    Habe die Ehre

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