Ein Kandidat wurde nicht geehrt

Bei der diesjährigen Neujahrsansprache des Bürgermeisters sollte ein Bürger besonderer Art geehrt werden. Geehrt, weil er ein Heft über jüdische Bürger von Woltersdorf während des Dritten Reiches verfasste und wegen seiner Bemühungen um die Stolpersteine, die auf dem Bürgersteig vor der Ethel- und Julius-Rosenberg-Straße 50 verlegt wurden. Die Steine sollen an die jüdischen Bürger Siegmund und Gustav Gumpert erinnern, die 1942 ermordet wurden.

In der Gemeindevertretung wurde der Wunsch abgelehnt. Warum? Die Sitzung war nicht öffentlich, so kann ich nur raten. Der Kandidat diente einst in der DDR als Offizier der Grenztruppen (Name d. Redaktion bekannt). Einer Truppe, die sich ab 1946 entwickelte und bis 1953 der Stasi und danach dem Ministerium für nationale Verteidigung unterstand. Der Kandidat soll in seiner Dienstzeit mit den Personenkontrollen an den Grenzübergängen befasst gewesen sein. Diese Passkontrolleinheiten (PKE) waren der Hauptabteilung VI des MfS unterstellt.

An der innerdeutschen Grenze und an der Seegrenze (Ostsee) wurden nach dem 13. August 1961 mindestens 50 Personen gewaltsam durch Schusswaffen oder andere Gewaltakte der Grenztruppen getötet, 33 Personen kamen durch Erd- oder Splitterminen ums Leben. Diese Menschen wollten ihr Land verlassen. Ein legitimer Wunsch, gibt es doch den Artikel 13 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der UN-Vollversammlung von 1948: „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen“.

Was ist das für ein Mensch, der sich hingebungsvoll der jüdischen Opfer annimmt, aber kein Wort des Bedauerns darüber verliert, dass er einer Truppe angehörte, die Menschen tötete, verbluten ließ, in Fetzen sprengte, in jahrelange Haft verschleppte. Menschen, die nur von einem Land ins andere wollten?

Kann ein demokratisches Gemeinwesen einen Menschen mit einer solchen Vergangenheit ehren? Besonders betroffen macht mich, dass dieser Vorschlag vom Führer des Mittelstandsvereins mitgetragen wurde. Da stellt sich natürlich die Frage, hat der Chef der Firma Abluft-Diener, Wilhelm Diener, den Vorschlag im Auftrag des Mittelstandsvereins unterstützt? Der Mittelstandsverein wird die Frage wohl nicht beantworten wollen. Dann aber bleibt das Menetekel an jedem Mitglied des Mittelstandsvereins kleben.

  1. Rudi Ratlos

    Dr. Bernd Brauer, Kandidat der BI Unser Woltersdorf für die Kommunalwahl unterstützte den Vorschlag ebenfalls. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die BI.

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